Wie man eine NGO gründet

„Nie hätte ich gedacht, dass es so schwierig sein würde, die 20-jährige Geschichte unseres Vereins niederzuschreiben. Wo fängt man an, was möchte und soll man kommunizieren, was verklärt oder verändert man in der Erinnerung?“ erzählt Erfried Malle, Gründer und Obmann von SONNE-International über die folgenreichen Ereignisse vor 20 Jahren.

Am Anfang war der „gute“ Gedanke

Eines vorweggenommen: Ich bin nicht der Weltverbesserer, für den mich viele halten. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich schon immer den Drang verspürt hätte, anderen Menschen zu helfen. Nein, das hätte mein damaliger Lebenslauf nicht hergegeben. Skilehrer in Kärnten, Surflehrer auf den Malediven, Reiseleiter weltweit, bis dreißig keine klare Linie, kein roter Faden, der mein Leben bestimmte. Doch dann wurde ich langsam erwachsen und als ich mit 31 endlich in die Entwicklungshilfe einstieg, hatte ich mein Lebensmotto gefunden: die Liebe zu den Menschen und meinen starken Wunsch, einen positiven Beitrag für eine bessere Welt zu leisten.

„Ich denke, es war vor allem mein Elternhaus, in dem mir Werte vorgelebt wurden, die für meinen weiteren Lebensweg von entscheidender Bedeutung waren.“

Ja, werte Leser – das ist die offizielle Variante, die unsere meisten langjährigen Wegbegleiter kennen und die wir in der SONNE-Historie öffentlich niedergeschrieben haben, wie z. B. auf der Website. Aber es gibt auch eine Vorgeschichte, mit der ich zumeist erst in einer geselligen Runde mit Freunden herausrücke und die ich hier und heute mit euch teilen möchte.

Mit dieser „inoffiziellen“ Variante möchte ich hier beginnen.

Ehrlich gesagt entstand unsere Idee, selbst eine Hilfsorganisation zu gründen, erst nach der zweiten oder dritten Flasche Wein in einem Wiener Innenstadtlokal. Ja, es war eine weinselige Geschichte – am Anfang zumindest!

Ich kann mich noch genau erinnern. Es war ein grauer Tag in der kalten Adventzeit des Jahres 2001. Es machte so richtig Spaß, mit einem Freund aus der Studentenzeit ein Achterl nach dem anderen zu vernichten. Schon seit langer Zeit hatte ich Hansi nicht mehr getroffen und so hatten wir uns an jenem Abend viel zu erzählen. Wir unterhielten uns ausgezeichnet. Und wie so oft, so kam mit jedem weiteren Achterl Wein mehr Schwung in unsere Diskussion über den „üblen“ Stand der Dinge.

Die Welt war wohl nicht mehr zu retten! Die Menschheit würde nicht mehr lange überleben, da waren wir uns einig. Die Umwelt war zerstört, das Ozonloch irreparabel, die Armut allerorts enorm und die Ausbeutung der Natur nicht mehr aufzuhalten. Regenwälder wurden abgeholzt, Ackerböden zugepflastert, Kriege gab es an allen Ecken und Enden und das Meer war zu einer einzigen Müllkippe verkommen. Außerdem schien der Kampf gegen die Seuche AIDS allerorts verloren. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann muss ich fast lachen, denn rückblickend betrachtet war unsere Erde damals in einem viel besseren Zustand als heute.

Vereinssitzung in Graz mit Heidi Kolland, Susanne Prügger und Wolfgang Brandstätter

Diskussionen alleine hat sich noch nie etwas geändert

In all dem Weltschmerz, dem wir uns an diesem Abend hingaben, hatte ich plötzlich eine zündende Idee: „Hansi,“ sagte ich enthusiastisch, „lass uns doch eine eigene Organisation gründen, damit wir nicht nur sinnlos herumlamentieren, sondern selbst etwas gegen das Elend tun. Ich will es nicht beim Jammern belassen, sondern ich will gegen das Unrecht ankämpfen! Ich möchte mich dafür einsetzen, dass die armen Kinder in Afrika etwas aus ihrem Leben machen können“.

Der Gedanke, der mich nicht mehr los lies

Diese Idee gefiel uns sehr und nach dem letzten Glas Wein waren wir uns einig: Wir werden in Zukunft nicht nur diskutieren, sondern selbst aktiv werden, denn durch Diskussionen alleine hat sich noch nie etwas geändert. Mit diesen Gedanken torkelten wir zufrieden nach Hause. Das war die Initialzündung, die uns veranlasste, einen Verein zu gründen. Als ich Hansi am nächsten Morgen anrief, voll Enthusiasmus, und meine ersten Ideen mit ihm besprechen wollte, hörte ich am anderen Ende der Leitung ein langes Gähnen und ein müdes: „Lass mich schlafen, ich habe Kopfweh …“. Auch ich hatte einen ordentlichen Kater, aber von diesem denkwürdigen Tag an ließ mich der Gedanke nicht mehr los: Ich wollte selbst eine eigene Hilfsorganisation gründen.

Erste Vorstandsitzung im neuen Büro. V. l. n. r.: Erfried Malle, Ralf Brunner, Susanne Prügger, Wolfgang Brandstätter, Susanne Pertl

Und wie ging es weiter?

Hier beginnt die offizielle Version unserer Vereinsgründung.

Schon während, aber vor allem nach Abschluss meines Studiums der Zoologie bereiste ich mehrere Jahre lang als Reiseleiter für Abenteuerreisen bei Pineapple Tours die gesamte Welt, bevor ich mich bei der Österreichischen Hilfsorganisation HOPE´87 fünf Jahre lang als Projektmanager um Hilfsprojekte in Äthiopien, Bangladesch und Mosambik kümmerte. Noch heute bin ich meinem damaligen Chef, Herrn Robert Ottitsch, sehr dankbar dafür, dass er mir mit viel Geduld das Handwerkszeug beibrachte, das ich benötigte, um eigenständig in der Entwicklungshilfe weitermachen zu können. Ich brauchte nun für die nächsten Schritte dringend Wegbegleiter, mit denen ich meine Visionen umsetzen konnte. Die Suche war schwer – wer will schon selbst eine Organisation aufbauen?

Erst als ich als Reiseleiter mit einer Wandergruppe aus Österreich in den schwindelerregenden Höhen Ladakhs in Nordindien unterwegs war, lernte ich meine zukünftige Mitstreiterin kennen, die Grazer Allgemeinmedizinerin Susanne Prügger. Von Anfang an war sie von meiner Idee, eine eigene Hilfsorganisation zu gründen, begeistert. Nach unserer Rückkehr aus Nordindien suchten wir nach weiteren Vorstandsmitgliedern, denn ein Verein brauchte schon damals mindestens fünf Personen. Nach mehreren Monaten intensiver Suche war es schließlich soweit. Nach der Statutenentwicklung – man kann sich nicht vorstellen, was das für ein Aufwand war – und unzähligen weiteren administrativen Notwendigkeiten, mit denen sich Gott sei Dank vorrangig Susanne auseinandersetzte – ich hätte das wohl nie ohne sie geschafft – waren endlich alle Voraussetzungen geschaffen.

Mit Wolfgang Brandstätter, Susanne Pertl, Susanne Prügger und Karin Hofer nahm der erste SONNE-Vorstand mit mir als Obmann seine Arbeit auf. Die Gründungssitzung fand am 21.07.2002 bei Brötchen und Kuchen in den Räumlichkeiten von Susannes Arztpraxis in Graz statt. Dann ging es Schlag auf Schlag. Es dauerte
drei Monate, bis wir endlich 2000 Euro für unser erstes Projekt gesammelt hatten, nämlich eine Gesundheitsstation für Slumbewohner in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, in Betrieb zu nehmen.

Beim 10-Jahrestreffen in Feldkirchen, Kärnten. V. l. n. r.: Erfried Malle, Gitti Strobl, Momen Abdul (erster SONNE-Country Manager für Bangladesch), Md. Al Mamun (SONNE Bangladesch), Harald Strobl

20 Jahre Start-up style

Die Energie und der Enthusiasmus, die jeder einzelne in unser Projekt 
hineinsteckte, waren unbeschreiblich.

In den darauffolgenden Jahren verdoppelte sich das jährliche Spendenaufkommen, 2004 konnten wir bereits unsere ersten zehn Dorfschulen für 800 Kinder in Bangladesch eröffnen, 2005 begannen wir unser Engagement in Äthiopien mit der Inbetriebnahme von 30 Nomadenschulen. 2008 starteten wir in Myanmar mit unserem ersten Straßenkinderzentrum, 2012 übernahmen wir in Indien zwei Volksschulen und 2019 initiierten wir in Somaliland ein Aufklärungsprojekt für Menschen mit Behinderungen.
Inzwischen sind wir zu einer stabilen und renommierten österreichischen Hilfsorganisation herangewachsen, obwohl scharfzüngige Wegbegleiter einmal meinten, dass wir immer noch wie ein Start-up agieren, weil wir weiterhin versuchen, die administrativen Ausgaben so niedrig wie irgendwie möglich zu halten.

Egal! Ich kann nur eines sagen – und ich stehe voll dahinter – das SONNE-Kernteam im Wiener Büro ist das beste der Welt und mit diesem Team sind wir in der Lage, auch in diesen schwierigen Zeiten unser Engagement in all den Ländern, in denen wir aktiv sind, aufrecht zu erhalten.

Beim großen 10-Jahrestreffen in Feldkirchen, Kärnten