WOHL und WEHE in Afar – Neuigkeiten aus dem nördlichen Äthiopien

Regen – ein Symbol der Hoffnung, doch zugleich der Beginn einer anstrengenden Reise in der nördlichen Region Afar.

Unser Mitarbeiter Stefan „Stippe“ Bartusch war kürzlich vor Ort und teilt nun seine eindrucksvollen Erlebnisse in einem spannenden Blogbeitrag mit uns.

  • Stippe unterwegs in der Afar Region

Stippe unterwegs in Äthiopien.

Regen – Fluch und Segen.

WOHL, weil es nach Jahrzehnten, die durch den Klimawandel verursachte Dürren geprägt waren, plötzlich und unerwartet außerhalb der verbliebenen Regenzeiten zu ergiebigen Regenfällen über einen längeren Zeitraum kam, die zu einer gewissen Hoffnung Anlass geben – auch wenn ein einmaliges Ereignis noch keine langfristige Entwicklung bedeuten muss.

WEHE, weil zugleich – und ebenfalls unerwartet – Dengue-Fieber in die Region emigriert ist und mittlerweile bereits eine gute Hundertschaft an Todesopfern gefordert hat. Und natürlich sind jene Wasserpfützen, die sich nach ausgiebigen Regenfällen in der Erde mit reichen Ton-Anteil bilden und lange halte, ideale Brutstätten für jene Moskitos die Malaria und Dengue übertragen.

  • Wasserpfützen nach Regenfällen in Afar

Wasserpfützen nach den starken Regenfällen.

Bürgerkrieg und Hungersnot.

WOHL auch deshalb, weil die bewaffneten Konflikte in Afar-Region nicht mehr unmittelbar unsere Projektgebiete betreffen. Waren letztes Jahr noch zwei der fünf Bezirke unmittelbares Kriegsgebiet und zwei weitere durch den ethnischen Konflikt der Afar mit zugewanderten Issa-Somali, bei dem es natürlich vor Allem um Weideland und Zugang zu Wasser, ging bzw. geht, betroffen, sind nun wieder alle Mutter-Kind Gesundheitsprojekte wieder sicher und unsere Teams ungefährdet… und sehr aktiv.

WEHE aber, weil gerade in den beiden Bezirken Gawwaane und Gala’Alu eine massive Hungersnot ausgebrochen ist, die natürlich besonders der kindlichen Entwicklung schweren Schaden zufügt – falls sie diese Hungersnot überhaupt überleben! Und natürlich sind auch die Kriegsschäden in den Bezirken Uwwa und Chiffra noch immer erkennbar. Aber viel schlimmer sind die physischen und psychischen Leiden der Opfer des Bürgerkriegs. Und auch WEHE, da dieser ohnehin fragile Frieden kaum mehr als eine Waffenruhe ist und es zudem in den Nachbar-Regionen der Afar, insbesondere in Amhara und Oromo, weiterhin zu Massakern kommt.

Hungersnot und Krankheiten.

Mühsames vorankommen in einem vom Krieg gezeichneten Land.

Ein ewiges WEHE ist und bleibt der Mangel an Transportmittel im öffentlichen Sektor wie auch bei unserem Partner APDA. Extrem schwieriges Gelände in einer Wüstenlandschaft, aus teils vulkanischem Gestein und teils schwerer, tonhaltiger Erde, fordern auch die besten Fahrzeuge an ihre Grenzen, während es andererseits kaum geeignete Werkstätten vorhanden sind und Ersatzteile nur schwer zu beschaffen sind. Insbesondere das Ambulanzwesen leidet darunter.

Dessen Fahrzeugpark war immer schon sehr schwach, aber im erst zu Ende gegangenen Bürgerkrieg wurden weitere Fahrzeuge zerstört bzw. konnten nicht mehr gewartet werden – eine Situation, die für viele Menschen unnötigerweise tödliche Konsequenzen hat.

Kriegsschäden und Transportmangel in Afar-Region.

„Auf ein WOHL dürfen wir aber hoffen, wenn es uns gelingt, ein einfaches und effizientes sowie möglichst unabhängiges Ambulanzwesen mit Motorrad-Ambulanzen zu schaffen. Hierfür ist gerade ein Pilotprojekt von SONNE-International und APDA geplant, das uns hoffen lässt.“

Stefan Bartusch

So könnte unser Ambulanz Motorradaussehen (Herstellerfoto, www.eranger.com)

Unser Hoffnungsprojekt.

WOHL auch, weil sich unser Gartenbau- und Landwirtschaftsprojekt gut entwickelt. Um die vorwiegend auf Tierhaltung angewiesenen Afar-Hirten mit dem Anbau verträglicher und ergänzender pflanzlicher Nahrungsmittel vertraut zu machen, benötigt es natürlich einen gewissen Grad an Sesshaftigkeit, den die halb-nomadischen Afar aber auch nicht wirklich ablehnen – ihre zwangsweise Mobilität ist vor Allem dem Weideland ihrer Herden und dem Zugang zu Wasser geschuldet – und natürlich geeignet Anbaugebiete mit Wasserversorgung.

Entsprechend wurden auch Menschen aus jenen Gemeinschaften ausgewählt, die diese Grundvoraussetzungen vorfinden – mittlerweile bereits annähernd 400 Personen aus 6 Gemeinschaften. WOHL auch, weil meinem Projektpartner Osman und mir eine lokale Gruppe von Experten der Universität Semera und verschiedener Regierungsstellen beratend zur Verfügung stehen, um Altes zu verbessern und Neues auszuprobieren. Davon aber mehr gegen Ende dieses Jahres – Insha‘allah!

Das Landwirtschaftsprojekt.

Knackpunkt gesunde Ernährung.

WEHE… wehe uns, wenn wir es nicht schaffen, die dringend erforderlichen Alternativen für eine gesunde Ernährung vermitteln zu können, die langfristig den Bedarf unserer Klient:innen – und das sind diese Menschen für mich – sichern kann. Dabei geht es nicht um Vegetarismus und Fleischkonsum, der bei den Afar ohnehin unverhältnismäßig gering für Hirten ist, sondern vor Allem um eine diversifizierte Ernährung, die alle nötigen Anteile an Proteinen, Vitaminen, Mineralien, Ballaststoffen, etc. beinhaltet und möglichst ganzjährig verfügbar ist.

Stippe besucht mit Valerie Browning (APDA) das SONNE-Schulprojekt.

Endlich wieder Schulprojekte.

WOHL nicht zuletzt auch, weil SONNE-International wieder gemeinsam mit APDA ein Schulprojekt für die Kinder der nomadischen Gruppen anstrebt, für die mobile Schulen die einzig gangbare Lösung sind und auch aus früheren Projekten gute Erfolge erzielen konnten.

WEHE, wenn wir nicht die erforderlichen finanziellen Mittel und ein wenig Unterstützung der Regierungsstellen bekommen… denn dann bleiben weiterhin Teile der gegenwärtigen Generation von Bildung und verbessertem Zugang zu fairen Zukunftschancen und der Nutzung öffentlicher Einrichtungen ausgeschlossen.

WOHL und WEHE…

… da gäbe es noch Einiges mehr zu erzählen und zu prognostizieren. Davon aber ein andermal – in diesem Sinne; auf bald!