Meine Woche in der Afar-Wüste
Armin Mösinger berichtet über seine Projektreise nach Äthiopien mit bewegenden Begegnungen zwischen großer Not und beeindruckendem Engagement, das Mut macht …
Ich bin schon einmal entspannter in ein Flugzeug gestiegen als bei dieser Projektreise nach Äthiopien. In den Wochen vor meiner Abreise hatte sich der Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea zugespitzt. Flüge wurden gestrichen, mein Rückflug wurde mehrfach verschoben und die Nachrichten aus Nordäthiopien klangen zunehmend besorgniserregend. Auch in Teilen der Afar-Region, in der sich viele unserer Projekte befinden, hatte es Kampfhandlungen gegeben.
Fliegen oder nicht – das ist die Frage
Bis zwei Tage vor meiner Abreise war unklar, ob wir überhaupt in unsere Projektgebiete reisen können. Dann kam die Rückmeldung unserer lokalen Partnerorganisation APDA: Nicht alle Projektstandorte waren von der angespannten Sicherheitslage betroffen, und für die geplante Route wurde die Situation als vertretbar eingeschätzt. Für mich stand fest: Ich fliege!
Nach rund eineinhalb Tagen Anreise erreichte ich Semera, wo unsere Partnerorganisation APDA ihren Sitz hat. Bereits am nächsten Morgen brachen wir zu einer dreitägigen Tour in die Afar-Region auf. Wir besuchten Dörfer, sprachen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Gesundheitsfachkräften, Behörden und vor allem mit den Menschen, für die unsere Projekte da sind. Genau darum geht es uns bei SONNE-International: nicht über die Köpfe der Menschen hinweg zu planen, sondern gemeinsam mit ihnen Lösungen zu entwickeln und auch selbst die Problem vor Ort wahrnehmen.
Afar: Leben unter extremen Bedingungen
Armut lässt sich für mich nur schwer vergleichen. In jedem Land, in jeder Region hat sie ein anderes Gesicht. Aber ich habe noch nie einen Ort erlebt, an dem die Auswirkungen von Dürre und Klimawandel für die Menschen so unmittelbar spürbar waren wie hier. Wasser ist knapp, Nahrungsmittel sind schwer verfügbar und die meisten Familien sind auf Unterstützung von außen angewiesen.
Wie sich das Leben in dieser Landschaft anfühlt, lässt sich mit Worten allein kaum beschreiben. Deshalb möchte ich euch auch mit Fotos ein Stück auf diese Reise mitnehmen.
Mit unserem Gesundheitsteam unterwegs – und eine Begegnung, die bleibt
In unserem Projektgebiet sind mehr als 50 lokale Gesundheitsbeauftragte im Einsatz, die von SONNE-International finanziert werden. Sie erreichen Menschen, die oft weit entfernt von einer medizinischen Einrichtung leben. Für viele Familien ist schon eine einfache Untersuchung alles andere als selbstverständlich. Wenn ich an die medizinische Versorgung in Österreich und die e-Card in meiner Geldbörse denke, wird mir dieser Unterschied besonders deutlich.
Als wir mit unserem Gesundheitsteam das erste Dorf besuchten, wurden unsere lokalen Kolleginnen und Kollegen herzlich empfangen. Die Menschen kennen sie und wissen, dass sie sich Zeit für ihre gesundheitlichen Sorgen nehmen. Während ich die Untersuchungen beobachtete, bat mich jemand, einen Blick in eine der Hütten zu werfen.
Durch einen schmalen Eingang gelangte ich in einen dunklen Raum. Auf einem Bett lag eine hochschwangere Frau, neben ihr saß eine ältere Dame. Mir wurde erklärt, dass die Geburt unmittelbar bevorstand und bereits eine traditionelle Geburtshelferin bei ihr war. Ein bewegender Moment – und für mich ein unmittelbarer Einblick in die Bedeutung der lokalen Gesundheitsarbeit. Unser Projekt unterstützt auch traditionelle Geburtshelferinnen dabei, ihr Wissen zu erweitern und Risiken frühzeitig zu erkennen. Stolz präsentierte mir die Geburtenhelferin ihr Equipment, das sie durch unser Projekt zur Verfügung gestellt bekommen hat. Mehr dazu in diesem Video:
Bei den Untersuchungen wurden unter anderem Kinder auf Mangelernährung getestet. Zu sehen, wie viele von ihnen deutliche Anzeichen davon aufwiesen, hat mich erschüttert. Die Familien können in dieser trockenen Region kaum selbst Nahrungsmittel anbauen. Sie sind auf Hilfe angewiesen, die nicht immer ausreichend und selten abwechslungsreich ist.
Der Gedanke, seine eigenen Kinder nicht ausreichend ernähren zu können, muss für die Menschen dort extrem belastend sein. Nach Angaben, die wir vor Ort erhielten, ist in der Afar-Region beinahe jedes zweite Kind von chronischer Mangelernährung betroffen. Die möglichen Folgen für Gesundheit und Entwicklung sind gravierend.
Über diese humanitäre Not wird bei uns nur selten berichtet. Und wenn eine Krise kaum sichtbar ist, wird es auch schwieriger, Unterstützung dafür zu mobilisieren. Umso dankbarer bin ich unseren Förderpartnern sowie allen Spenderinnen und Spendern, die den Menschen in Afar helfen – auch wenn gerade niemand über sie spricht.
Unser Gesundheitsteam im Einsatz
Einblick in die Gesundheitsarbeit in der AFAR Region
Zusammenarbeit statt Parallelstrukturen
Ein zentraler Grundsatz unserer Arbeit ist, keine Parallelstrukturen zu lokalen Behörden und Einrichtungen aufzubauen. Wir wollen bestehende Angebote stärken und unsere Projekte gut mit den Menschen abstimmen, die vor Ort Verantwortung tragen.
Deshalb führten wir Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern von Krankenhäusern sowie mit Verantwortlichen aus dem Gesundheitsbereich. Dabei haben wir viel über konkrete Herausforderungen erfahren – und darüber, wie wir die Zusammenarbeit weiter verbessern können. Besonders überrascht hat mich, dass uns mehrfach gesagt wurde, wir seien die ersten Vertreter einer internationalen Hilfsorganisation, die persönlich zu einem solchen Austausch gekommen seien. Gerade solche Begegnungen zeigen mir, wie wichtig Zuhören und Präsenz vor Ort sind.
Austausch mit Gesundheitsbehörden und lokalen Einrichtungen
Sauberes Wasser und die Frage, ob unsere Hilfe wirklich ankommt
In einem weiteren Dorf wurden wir sofort von zahlreichen Bewohnerinnen und Bewohnern begrüßt. Unser lokales Team ist hier seit Längerem aktiv und genießt großes Vertrauen. Gemeinsam mit den Dorfältesten setzten wir uns auf eine Decke. Wir wollten vor allem eines herausfinden: Werden die Wasserfilter, die wir zur Verfügung gestellt haben, im Alltag tatsächlich verwendet?
Eine verlässliche Wasserversorgung gibt es dieser Region nicht. Manche Frauen müssen täglich stundenlange Wege zurücklegen, um Wasser für ihre Familien zu holen. Dieses Dorf liegt immerhin an einem kleinen Bach. Allerdings wurde dessen Wasser früher ungefiltert getrunken, was immer wieder zu Durchfallerkrankungen führte. Deshalb haben wir die Familien mit Wasserfiltern ausgestattet, die sich jeweils drei Haushalte teilen.
Kaum hatten wir gefragt, ob die Filter genutzt werden, brachte eine Familie ihren Filter und zeigte uns voller Freude, wie er funktioniert. Für unser Team war das eine schöne Bestätigung: Eine vergleichsweise einfache Maßnahme kann helfen, wasserbedingten Erkrankungen vorzubeugen.
Der erste Wasserfilter im Einsatz
Austausch auf Augenhöhe
Noch wertvoller waren für mich die Gespräche darüber, welche Probleme die Menschen selbst als besonders drängend erleben und welche Lösungen sie vorschlagen. Nach unserem Austausch blieben wir noch eine Weile im Dorf.
Als die Sonne unterging, veränderte sich die Atmosphäre. Ohne elektrisches Licht wurde es rasch dunkel, und die Familien halfen einander dabei, die Ziegen zu versorgen. Ein stiller, eindrücklicher Abschluss dieses Besuchs.
Ausführliche Gespräche mit den Bewohnern der Dörfer
Impfungen: Wie Vertrauen über Jahre wachsen kann
Seit 16 Jahren arbeite ich in der Entwicklungszusammenarbeit. Trotzdem hatte ich bisher noch nie die Gelegenheit, eine Impfaktion direkt mitzuerleben. Ein Kollege erzählte uns, wie schwierig es vor mehr als zehn Jahren gewesen sei, Impfungen in dieser Region anzubieten. Die Menschen kannten die Maßnahmen kaum und das Vertrauen musste erst aufgebaut werden.
Heute erlebt das Team eine deutlich größere Offenheit. Als die Familien erfuhren, dass Impfungen angeboten wurden, kamen zahlreiche Frauen mit ihren Kindern zu uns. Sie möchten ihre Kinder vor vermeidbaren Krankheiten schützen. Unsere lokalen Kolleginnen und Kollegen begegneten ihnen mit viel Geduld und Sensibilität. Für mich war das ein starkes Beispiel dafür, was langfristige Gesundheitsarbeit bewirken kann: Information, Vertrauen und Zugang verändern gemeinsam etwas.
Impfaktion in der Afar-Region
Unterwegs mit Valerie – das Beste kommt zum Schluss
Die letzten Zeilen meines Reiseberichts möchte ich einer ganz besonderen Frau widmen: Valerie Browning. Sie stammt aus Australien, lebt seit Jahrzehnten in Äthiopien und hat gemeinsam mit ihrem äthiopischen Mann die Hilfsorganisation APDA gegründet, mit der wir seit 20 Jahren kontinuierlich zusammenarbeiten. Ihr Leben hat sie den Menschen in Afar gewidmet.
Ich habe selten jemanden getroffen, der so tief mit einer lokalen Gemeinschaft verbunden ist. Viele Menschen nennen sie „Malika“, was so viel wie „unsere Königin“ bedeutet. Schon lange hatte ich mir gewünscht, sie einmal persönlich bei ihrer Arbeit begleiten zu können. Am letzten Tag meiner Reise wurde dieser Wunsch wahr.
Wir fuhren in eine kleine Siedlung mit vielleicht zehn Hütten, mitten in einer Landschaft aus schwarzen Steinen. Über dem heißen Boden flimmerte die Luft. Für einen Moment fühlte ich mich wie auf einem anderen Planeten: weit und breit Felsen, kaum Schatten und die nächste Wasserstelle weit entfernt.
Valerie sprach ausführlich mit einer unserer lokalen Gesundheitsbeauftragten, die dort gerade Untersuchungen durchführte. Als wir fragten, woher die Familien ihr Wasser beziehen, erfuhren wir, dass die Frauen dafür jeden Tag mehrere Stunden unterwegs sind.
Vielleicht stellt ihr euch nun die Frage, die ich mir damals ebenfalls stellte: Warum ziehen die Familien mit ihren mobilen Hütten nicht einfach näher an eine Wasserquelle? Valerie erklärte uns, dass die Bindung an das Land für die Gemeinschaft von großer Bedeutung ist. Ein Wegzug könnte bedeuten, den Anspruch des Clans auf dieses Gebiet zu verlieren – und damit einen wichtigen Teil ihrer Identität.
Zu erleben, wie respektvoll und selbstverständlich Valerie mit den Menschen sprach, war für mich besonders schön. Und es hat mich erneut darin bestärkt, dass wir mit APDA eine außergewöhnliche Partnerorganisation an unserer Seite haben.
Gemeinsam mit Valerie und dem lokalen Team unterwegs durch die AFAR Wüste
Was ich von dieser Reise mitnehme
In dieser Woche habe ich die schwierigen Lebensbedingungen der Menschen in Afar unmittelbar erlebt. Gleichzeitig durfte ich ein lokales Team kennenlernen, das mit beeindruckender Erfahrung, Ausdauer und viel Herz daran arbeitet, die Gesundheitsversorgung zu verbessern.
Die Herausforderungen werden nicht von heute auf morgen verschwinden. Dürre, Wassermangel und mangelnder Zugang zu medizinischer Versorgung prägen den Alltag vieler Familien. Umso wichtiger ist es, langfristig an ihrer Seite zu bleiben – und dabei immer wieder zu überprüfen, ob unsere Unterstützung wirklich dort ankommt, wo sie gebraucht wird.
Danke an alle, die unsere Arbeit in Äthiopien möglich machen. Ohne eure Spenden und die Unterstützung unserer Förderpartner könnten wir diese Gesundheitsprojekte nicht umsetzen. Eure Hilfe erreicht Menschen, die sonst allzu leicht übersehen werden.
Liebe Grüße,
euer Armin




































