Überleben auf 50 Grad: Unterwegs in der Afar-Region
Wir waren wieder in der Afar – einer der extremsten Regionen der Welt. Bis zu 50 Grad Celsius, eine karge Landschaft ohne Erbarmen, und Menschen, die mehr überleben als leben. Ein Bericht von Sabine und Erfried vor Ort …
Sabine und Erfried vor ihrem Aufbuch in die Afar Region
Die Afar: Eine Welt am Limit
Die Afar-Region im Nordosten Äthiopiens ist kein einfacher Ort. Sie ist einer der heißesten bewohnten Orte der Erde – und das merkt man sobald man aus dem Flugzeug steigt. Die Temperaturen steigen auf bis zu 50 Grad Celsius, der Boden ist trocken und rissig, Schatten gibt es kaum, der Boden glüht. Für die semi-nomadischen Gemeinschaften, die hier seit Generationen leben, ist das Alltag.
Wenn man durch die Gegend fährt, fragt man sich unweigerlich: Wie geht das? Wie wächst ein Kind in dieser Hitze auf? Wie gebärt eine Frau hier, meilenweit vom nächsten Gesundheitszentrum entfernt? Die Antwort ist: mit unglaublicher Zähigkeit – und leider auch mit großen Risiken. Die Menschen der Afar überleben. Aber ein Leben in Würde, mit Sicherheit und Chancen – das ist für viele noch weit entfernt.
Was wir in der Afar tun
SONNE-International ist seit über 20 Jahren in der Afar aktiv. Gemeinsam mit unserer lokalen Partnerorganisation, der Afar Pastoralist Development Association (APDA) setzen wir Gesundheits-, Bildungs- und Landwirtschaftsprojekte um. Seit Jahren arbeiten wir daran, die Mütter- und Kindersterblichkeit zu reduzieren – indem wir unter anderem Gesundheitszentren unterstützen und Wartebereiche für schwangere Frauen in besonders abgelegenen Gebieten einrichten. Denn in einer Region, in der es ein tagelanger Fußmarsch zur nächsten Klinik ist, sind Komplikationen bei der Schwangerschaft ohne Zugang zu einer medizinischen Einrichtung tödlich.
In diesen Gesundheitszentren leisten geschulte Geburtshelferinnen täglich Großartiges: Sie begleiten Schwangere, sorgen für hygienische Geburten und kämpfen gegen schädliche traditionelle Praktiken. Ergänzend dazu haben wir mit dem Aufbau von Frauenkooperativen begonnen – kleinen Unternehmen, die den Frauen eine eigene Einkommensquelle ermöglichen und ihr Selbstbewusstsein stärken.
Großer Andrang im und vor unseren Gesundheitsstationen
Training für Frauenkooperativen
Sabine‘s erste Tage in der Afar hat sie damit verbracht, mit den Frauen von insgesamt 8 Kooperativen zu arbeiten. Sie verkaufen Erfrischungen in und rund um die Kliniken – kleine Getränke, Snacks, einfache Dinge. Aber für viele dieser Frauen ist es das erste Mal, dass sie selbst Geld verdienen.
Im Training haben wir uns mit drei Themen beschäftigt: Financial Literacy – also dem grundlegenden Verständnis von Einnahmen, Ausgaben und Gewinnen. Buchhaltung – dem einfachen, aber so wichtigen Aufschreiben aller Transaktionen. Und– wie man eine kleine Kooperative gemeinsam, transparent und erfolgreich führt.
Was Sabine am meisten beeindruckt hat: Die Frauen wollen nicht beim Kleinen bleiben. Alle – wirklich alle – träumen davon, ihre eigene Kooperative weiter aufzubauen, zu wachsen, unabhängig zu werden. Vom eigenen Restaurant hin zum Shop – sie alle haben eine Vision. Man merkt: Hier fehlt es nicht an Willen oder Intelligenz. Es fehlt an Mitteln.
Konkret fehlt allen gerade eines: ein Kühlschrank. Klingt banal – ist es aber nicht. In einer Region mit 50 Grad braucht man gekühlte Getränke, um etwas verkaufen zu können. Schon etwa 150 Euro könnten den Kooperativen dieses Business Upgrade verschaffen. Leider ist das für alle derzeit eine unerreichbare Investition.
Sabine bei ihren Workshops in der Frauenkooperative
Kinderarme, so dünn wie ein Daumen
Während Sabine mit den Frauengruppen arbeitete, war Erfried mit den lokalen Gesundheitsbeauftragten in den Projektgebieten rund um Gelaalu, Gewaani und weiteren Standorten unterwegs um unser Gesundheitsprojekt zu besuchen.
Erfried hat einige schwangere Frauen besucht – Frauen, die dank unserer Wartebereiche medizinisch in guten Händen sind und nicht riskieren müssen, in letzter Minute noch tagelang zu Fuß in die Klinik laufen zu müssen, um sich eine sichere Geburt zu ermöglichen.
Neben der kargen Gesundheitsversorgung hat die Reise aber vor allem auch eines gezeigt: Hungersnot. Besonders bei Kindern.
Man sieht es in den Gesichtern, in den kleinen Körpern, in den müden Augen. Mangelernährung in einer Region, die ohnehin schon am Limit lebt, trifft die Jüngsten am härtesten. Unsere Gesundheitsteams registrieren es – und tun, was sie können. Aber es ist klar: Der Bedarf ist größer als das, was wir derzeit abdecken.
Unterernährung wird bei den Kindern am Oberarm mit einem Maßband gemessen. Erfried hält zum Vergleich seinen Daumen dazu – und es gibt keinen Größenunterschied. Dass es eine solche Hungersnot noch im 21. Jahrhundert geben muss ist einfach unvorstellbar.
Finanzierung ungesichert
Reisen in die Afar hinterlassen lange Spuren. Man kommt zurück mit dem Wissen, dass die Menschen dort nicht aufgeben – und man selbst auch nicht aufgeben darf. Vor allem darf die Finanzierung dieser Projekte aufhören. Wir sind händeringend auf der Suche nach Fördergebern und Spender:innen, die sich für diese vergessene Region der Welt einsetzen.
Die Arbeit in der Afar ist kräftezehrend und manchmal herzzerreißend. Aber sie ist notwendig. Jede sichere Geburt, jede Frau, die ihr erstes eigenes Einkommen verdient, jedes Kind, das ausreichend Nahrung bekommt – das ist ein kleines Stück mehr Würde in einer Welt, die es diesen Menschen nicht leicht macht.













