Miras Blog – Die SONNE-Volontärin in MYANMAR

BLOG-Teil 6 – Wenn medizinische Versorgung nicht normal ist.

Aus diesem Grund bietet SONNE wöchentlich in einem der drei SONNE-Tagesbetreuungszentren (im Folgenden DCCs), gratis medizinische Hilfe an, im HEALTHCARE CAMP. Mit einem Arzt und zwei Krankenschwestern werden die Kinder der Tagesbetreuungszentren, sowie deren Familien und NachbarInnen gratis untersucht und medizinisch versorgt.

Während sich das DCC langsam füllt, beobachte ich, wie immer mit einer digitalen Kamera ausgestattet, das Treiben. Schwangere Frauen, Mütter mit ihren Kleinkindern, sowie PensionistInnen, Männer (Betelnusskauend versteht sich) und auch Kinder der DCCs mit kleinen Geschwistern, trudeln nacheinander ein. Viele Husten, welche Beschwerden sie dem Arzt allerdings schilden, kann ich nicht verstehen. Auffällig ist allerdings, dass den meisten Kindern, vor allem den jungen, auf den Bauch gegriffen wird, während die Erwachsenen oft Husten Puls und Lungenfunktion getestet werden.

Obwohl hier alles ein bisschen chaotisch wirkt – Leute wuseln durch die Gegend, während sich die Lehrerinnen bei der Aufnahme der PatientInnen abwechseln und die Krankenschwestern im Haufen von Medikamenten zu versinken scheinen – gibt es auch hier ein System hinter den Chaos, welches mir erst nach meinem zweiten Besuch offenbart. Es gibt drei „Schritte“, welche jedeR PatientIn durchläuft. Zu Beginn melden sich die PatientInnen bei einem der LeherInnen an. JedeR PatientIn erlangt beim ersten Besuch eine Healthcare-Karte, in welcher die bisherige Krankheitsgeschichte, sowie Behandlungen festgehalten werden. Im zweiten Schritt erstellt der Arzt eine Diagnose, sowie einen Behandlungsplan. Im dritten Schritt stellen die Krankenschwestern die benötigten Medikamente und Einnahmepläne zusammen.

Aber was haben die Menschen hier, woran leiden sie am meisten? Die Frage beantwortet mir der Arzt schnell: Ausschläge. Vor allem Kinder leiden unter Infektionen der Haut, welche durch das Spielen im Sand, besser zutreffend Dreck, hervorgerufen werden. Unbehandelt können schon kleine Krankheiten, welche bei uns mit einem Arztbesuch behoben werden, ausarten und die Lebensqualität der Menschen stark beeinflussen.

Während ich beim Mittagessen mir selbst schwöre, mich nicht mehr über Wartezeiten beim Arzt oder „mühsame“ Wege zu Impfungen zu beschweren, fährt ein Krankenwagen vor. Die Szene ist für mich komplett surreal. Im ersten Moment schaue ich mich um, den oder die PatientIn suchend, welche so krank ist, dass sie/er ins Krankenhaus gebracht werden muss. Doch die Sanitäter sind nicht gekommen, um jemanden abzuholen, sie bringen eine Patientin. Auf einer Liege tragen sie eine junge Frau rein. Ihre Mutter (nehme ich mal an) begleitet sie. Während sich Arzt und Mutter unterhalten und Befunde besprechen (sieht in meinen Augen aus, wie ein ECG-Befund) liegt die junge Frau reglos auf der Trage. Wir von einer Lehrerin liebevoll gestreichelt. Nach vielem Gerede werden ihr Medikamente verschrieben und schon ist sie auch wieder im Krankenwagen.

In den Slums fährt man nicht ins Krankenhaus, hier werden die Leute ins HEALTHCARE Camp gebracht. Aber was passiert mit den Leuten, wenn es so ein Healthcare Camp, wie es SONNE regelmäßig anbietet, nicht gibt? Mir läuft ein Schauer über den Rücken bei der Frage. Die Wichtigkeit von Versorgungssystemen wird einen doch erst bewusst, wenn man sieht, das ist Luxus und auf der Welt bei weitem kein Standard!

Teil 5 – Besuch im NPK-Dorf

Früh morgens, es ist noch Dunkel, warte ich auf den Kleinbus, welcher mich und einige MitarbeiterInnen des Sonne-Social- Teams (lokale Organisation von SONNE-International), darunter auch ein Arzt und eine Krankenschwester, in das abgelegene Ayeyarwaddy-Deltagebiet bringt. Das Ziel: Das Nga Pyaw Kyaun-Dorf, kurz NPK-Dorf. Im Jahre 2008 wütete in Myanmar der Cyklon Nargis, wobei das NPK-Dorf beinahe vollkommen zerstört wurde. Noch immer leben die Menschen hier an der Armutsgrenze, abgeschnitten von moderner medizinischer Hilfe. Aus diesem Grund unterstützt SONNE die Klosterschule hier mit einem medizinischen Notfallfonds, welcher die konstante medizinische Unterstützung und Hilfestellung der rund 420 SchülerInnen und deren Familien und NachbarInnen zu ermöglichen. Auch wurde im Jahre 2013 durch SONNE ein neues Schulgebäude errichtet und durch Patenschaften in Österreich versucht SONNE möglichst vielen Kindern eine ausreichende Ausbildung zu ermöglichen, denn nur durch eine qualitative Ausbildung ist es möglich den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen.

Nach einer ca. zweistündigen, mal mehr mal weniger, holprigen Autofahrt kommen wir im NPK-Dorf an. Das Dorf erinnert mich an ein bisschen an ein Urwalddorf. Anders als in Yangon, herrscht hier Natur über Beton. Freudig begrüßen uns die Kinder und auch die Lehrer erwarten uns schon mit einem traditionell, burmesischen Frühstück: Mohinga. Eine Art Fischsuppe mit Reisnudeln und jeder Menge Koriander, welchen ich sofort rieche – ich liebe Koriander! Höflichkeit und vor allem meine Neugier siegen über meine vegetarische Ernährung und es schmeckt köstlich! Allgemein bin ich ein großer Fan der burmesischen Küche, bei welcher Reis ein fixer Bestandteil ist. Nur könnte es, für meinen Geschmack, ruhig etwas schärfer sein. Nach dem Frühstück führen uns zwei Mädchen aus der Schule durch das Dorf. Zwischen Bäumen wälzen sich Schweine im Schlamm und hie und da tauch eine Kürbis- oder Bohnenplantage zwischen den Bäumen hervor. Das Dorf liegt an einem Flussarm – in der Regenzeit kann man die Wege, auf denen wir durch das Dorf gehen, nicht verwenden, Hauptverkehrsmittel sind dann Boote. Ich versuche mir das Dorf vorzustellen, wenn es unter Wasser steht. Stolz zeigen uns die Mädchen wo sie leben. Wie in den Slums von Yangon stehen hier im Dorf die Hütten auf Stelzen, was Sinn macht, wenn das ganze Dorf in der Regenzeit unter Wasser steht und bestehen aus Bambus und was für mich aussieht wie Strohwänden und -Dächern.

Die Mücken, welche mir auch jetzt schon teilweise den Nerv rauben, müssen in der Regenzeit einfach unerträglich sein. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass das Dorf im Wald liegt und es dadurch viel Natur gibt, aber es scheint, als ob hier weniger Müll rumliegt und die Luft scheint auch sauberer zu sein. Letzteres ist aber höchstwahrscheinlich schlicht und einfach auf die Tatsache zurückzuführen, dass wir uns hier weit entfernt von dem Verkehr Yangons befinden.

Nachdem wir uns ein Bild von den Häusern, den Plantagen und allgemein den Lebensumständen der Menschen im Dorf gemacht haben, werden wir auf den Markt des Dorfes geführt. Sofort beginnen die beiden Mädchen – deren Namen ich dank der Sprachbarriere nicht mal ansatzweise buchstabieren kann – mir jedes Gemüse und jede Frucht auf burmesisch zu sagen. Von meinen Bezeichnungen, wie „Chilli“ und „Tomato“, brechen die beiden in Lachen aus. Immer wieder zieht eine von den beiden an meinen Ärmel oder an meiner Hose, deutet auf etwas, sagt den burmesischen Namen und lässt mich erst los, wenn ich das Wort zu ihrer Zufriedenheit wiederholt habe. Das dauert, vor allem bei langen Wörtern, wie „kyaatswanhpyauu“, burmesisch für „Knoblauch“, doch recht lange. Das führt dazu, dass die restlichen Mitglieder der Gruppe weit vor uns sind. Doch auch sie sind fleißig am Einkaufen, schließlich befinden wir uns hier im „Bananendorf“, was einem quasi dazu verpflichtet auch Bananen zu kaufen. Doch ist Banane nicht gleich Banane, so gibt es beispielsweise auch Bananensorten, welche nicht zum Verzehr, sondern ausnahmslos als Opfergabe vorgesehen sind. Was das besondere an den „Opferbananen“ ist, vergesse ich zu fragen, aber rein äußerlich sehen sie den „normalen“ Bananen zum verwechseln ähnlich.

Zurück in der Schule fällt mir auf, dass auf fast allen Gebäuden Spenden-Plaketten angebracht sind. Fast jedes der Schulgebäude konnte nur durch Spenden erbaut werden. Das zeigt, wie arm das Dorf ist und wie wichtig es ist, sich auch in abgelegenen Orten für ausreichende Bildung einzusetzen. 420 Kinder erhalten hier Unterricht. Zum Abschied winken uns Kinder und LehrerInnen hinterher. Wieder ein Einblick in eine andere Welt und wieder wird mir mehr bewusst, wie priveligiert wir in Österreich doch sind und vor allem wie wichtig die Arbeit der SONNE ist. Denn Bildung ist ein Menschenrecht und sollte, nein muss allen Kindern zur Verfügung stehen!

Teil 4 – Besuch in anderen Welten

Jeden Freitag führen die Lehrer der DCCs Hausbesuche durch, um sich zu vergewissern, dass die Kinder zu Hause gut versorgt werden und auch um zu schauen, wie die Wohnverhältnisse sind und wie es den restlichen Familienmitgliedern geht, um auch benötigte Hilfe anzubieten. Dieses Mal war auch ich dabei. Das Wort Hausbesuche ist hierbei etwas irreführend. Man kann die „Hütten“ in denen die Menschen und auch die Kinder der DCCs, in den Slums wohnen, in keinem Fall mit dem vergleichen, was wir in Österreich unter Häusern verstehen. Platten aus Holz, welche auf Bambusröhren angenagelt sind oder gar nur lose darauf liegen, stellen den Boden dar. Die Wände bestehen in vielen Fällen aus Bambus, welcher wie Stroh aussieht. Nur wenige Familien haben den „Luxus“ über Blechwände zu verfügen. Dasselbe gilt Für die Dächer. Jetzt in der Trockenzeit mag das keine großen Auswirkungen haben, doch sechs Monate im Jahr, von Oktober bis April, herrscht in Myanmar Regenzeit, weswegen die Häuser auch auf Stelzen gebaut sind – sonst würden sie in der Regenzeit einfach weggeschwemmt.

Ich trotte hinter den Lehrerinnen her, photographiere die Leute in ihren „Hütten“. Ein mulmiges Gefühl macht sich in meinem Körper breit. Es ist nicht Angst. Auch wenn ich hier, mit meiner Spiegelreflexkamera durch die Slums trotte, fühle ich mich in keiner Sekunde bedroht. Die Leute grinsen mich an, hie und da grüßt mich ein Kind aus den DCC. Aber zu sehen, wie die Leute leben müssen. Als Touristin sieht man Slums meist nur aus der Ferne, mit schönem Sicherheitsabstand. Die Touristenzonen sind auch immer (bewusst geplant) von den armen Gegenden abgegrenzt. Man will den ToursitInnen diesen Anblick „ersparen“. Das Land schön präsentieren. Aus diesem Grund wurde, seit der Öffnung Myanmars im Jahr 2011, auch das Betteln und Übernachten auf der Straße, verboten. Wer dieses Verbot bricht, seien es Kinder oder Erwachsene, kommt ins Gefängnis. Doch nun bin ich hier und sehe, wie die Menschen leben.

Unser erster Hausbesuch. Die Mutter begrüßt uns freudig. Während die Tochter sich die Haare kämmt – sie möchte hübsch ein fürs Photo, erklärt die Mutter – erkundigen die Lehrer sich nach dem Wohlbefinden der Familie und der ökonomischen Sicherheit. Die Mutter ist als Tagelöhnerin tätig und sucht schon lange nach einem fixen Job um sich und ihre acht Kinder zu ernähren. Sie lächelt mich an, neben der Hütte schwimmt der Müll im Wasser. Als die Tochter mit dem Kämmen fertig ist kommt sie zu mir, lächelt und umarmt mich, sie will ein Photo mit mir. Die herzlichkeit der Menschen, welche so wenig haben, rührt mich.

Bei einem weiteren Hausbesuch müssen wir erst über eine sehr wacklicke „Brücke“ (lose Bretter, welche auf Bambusrohren liegen), um zu einen der Häuser zu gelangen. Auch hier werden wir freundlich willkommen, doch etwas stimmt nicht. Der Vater ist krank, er hat Fieber, was man ihm und seinen ganzen Körper ansieht. Hier zeigt sich, dass die Arbeit von SONNE nicht aufhört, wenn die Kinder das DCC verlassen. Die LehrerInnen geben ihm die Adresse eines nahe gelegenen Arztes und versichern ihm, dass SONNE für die Kosten des Arztbesuchs aufkommen wird. Das ist wichtig, denn viele Menschen suchen die Hilfe eines Arztes nicht auf, aus Angst vor den Kosten, welche sie sich nicht leisten können. Mir kommen fast die Tränen bei dem Anblick des kranken Vaters, auch er hat Tränen in den Augen. Aus Dankbarkeit für die Hilfe oder vor Schmerzen lässt sich nicht sagen.

Bis zu meinem Volontariat bei Sonne habe ich mir die Lebensverhältnisse in den Slums nur vorstellen können, nun sehe ich sie mit meinen eigenen Augen, eine andere Welt die man unbedingt verändern muss, niemand sollte so leben müssen!

Teil 3 – Mein Volontariat bei SONNE in Myanmar

Nach einer Woche im Zentrum Yangons bin ich, zwecks Erreichbarkeit, in den etwas außerhalb liegenden Bezirk “South Dagon“ gezogen, wo auch unsere beiden aktiven DCCs (SONNE-Tagesbetreuungszentren) angesiedelt sind. Zur Freude meiner Bronchien, die die Luft der Metropole nicht wirklich vertragen (Österreich hat weniger Einwohnerinnen als Yangon alleine – so viel zum Thema, als Wienerin wüsste man über das Leben in einer – richtigen – Metropole Bescheid).

Ich lebe nun abseits allen Tourismus, fahre jeden Tag mit dem Fahrrad in den Supermarkt oder kaufe meinen täglichen Bedarf an Obst und Gemüse an den Ständen am Straßenrand. Papayas, Ananas, Wassermelonen. Endlich kann ich diese exotischen Früchte in vollen Zügen und ohne schlechtes Gewissen genießen. Da ich auch in Wien hauptsächlich auf zwei Rädern unterwegs bin, war ich hoch erfreut, dass mir auch hier ein solches Gefährt zur Verfügung steht. Doch erwartet mich auch hier ein Abenteuer nach dem anderen. Zwei Dinge musste ich gleich bei meiner ersten Fahrt auf ruppige Art lernen.

  1. Als schreckhafte Person muss ich mich auf dem Rad doppelt konzentrieren, um nicht bei jedem Hupen, das so ca. alle fünf Sekunden hinter mir ertönt, einen großen Schwenker vor Schreck zu machen.
  2. Auf die Straße achten, denn schnell fahren kann schnell zum Verhängnis werden, wenn man ein Schlagloch oder andere Fahrbahn-„Unregelmäßigkeiten“ übersieht. Einmal übersehen und schon hebt es einen aus dem Sattel und man landet höchst unsanft und ungefedert. Das Steißbein sagt laut „Autsch“.

Die Arbeit bei SONNE selbst erweist sich auch als ein Abenteuer. So durfte ich für SONNE unterwegs sein, um gemeinsam mit Laura, eine andere NGO kennen zu lernen – „Social Circus“: eine Organisation, welche durch spielerische Zirkustätigkeiten, wie Jonglieren, auf Stelzen laufen, Gleichgewichtsübungen etc. das Gemeinschaftsgefühl und auch, durch Vorführ-Elemente, das Selbstbewusstsein von sozial benachteiligten Kindern stärken will. Und das mit Erfolg. Die Älteren helfen den Jüngeren und bei den Vorführungen wird großer Wert auf gegenseitigen Respekt gelegt! Auch ich habe mich an manchen Zirkuselementen versucht – mit großem Misserfolg. Vor allem die Koordination der Hände bereitet mir große Schwierigkeiten!

Ein weiteres Abenteuer habe ich am Donnerstag miterlebt, als in einem der Tagesbetreuungszentren Englisch-Unterricht auf dem Programm stand. Zu Beginn hat mich der Ehrgeiz gepackt, nicht mit dem Taxi zum weiter entfernten DCC zu fahren, sondern mit dem Fahrrad. Das Problem: Google Maps kennt sich nicht so ganz mit den Adressen in Myanmar aus, weswegen es mich irgendwo ans andere Ende der Stadt führen wollte. Verfluchte Technikabhängigkeit! Und nein, für mich kommt Busfahren (noch) nicht in Frage. Grund dafür ist, wie könnte es anders sein, die Sprachbarriere. Zum einen stehen die Nummern und Destinationen der Busse nur in Burmesisch angeschrieben und zum anderen kann mir auch in den Bussen nicht wirklich wer helfen, da ich, bis auf „Hallo“ und „Danke“ kein Wort Burmesisch spreche und dasselbe für einen Großteil der Burmesen in Bezug auf Englisch zutrifft. Bevor ich also Gefahr lauf, irgendwo im Nirgendwo zu landen, nehme ich mir meist ein Taxi oder eben, für kurze Strecken, das SONNE-Fahrrad. Nach einiger Zeit schaffte ich es aber doch den Standort zu erfahren und ab gings. Eine Attraktion auf zwei Rädern, ich die Europäerin. Endlich am Ziel, eröffnet sich mir ein vertrautes Bild. Herumwuselnde Kinder und mittendrin Heather, Volontärin aus Texas, welche den Kindern regelmäßig, jeden Donnerstag, Englischunterricht gibt. Eine ihrer Hauptaufgaben scheint es aber zu sein, die Kinder in den ihnen zugeteilten Gruppen zu halten. Öfters hört man ein „Honey, that’s not your group“ und Heather (immer mit einem Lächeln auf den Lippen), wie sie wieder einmal ein Kind zur richtigen Gruppe trägt. „Nice to meet you“ sagt sie mitten umringt von Kindern in meine Richtung, für mehr hat sie keine Zeit, muss schon wieder ein Kind rumtragen.

„Also faad wird mir hier sicher nicht!“- geht mir durch den Kopf, als ich versuche mich hinzusetzen, mein Steißbein protestiert, hab beim Herfahren eindeutig zu wenig auf die Straßenbeschaffenheit geachtet.

Teil 2 – Das Volontariat bei SONNE beginnt!

Viele neue Gesichter, alle begrüßen mich mit einem Lächeln. Der Wohlfühlfaktor ist auch hier sofort sehr groß.  Laura, auch eine SONNE-Volontärin aus Österreich, zeigt mir die beiden Tagesbetreuungszentren (Day care Centres, kurz DCC), DCC2 und DCC3. DCC1 wird gerade noch fertiggestellt. Große Kinderaugen schaun mich an, eine Mischung aus Neugier und Unsicherheit. Wer ist die „Große“, muss mich noch daran gewöhnen hier mit meinen 1,72 zu den Größten zu gehören, Was macht die Fremde denn hier, mit der man sich nur mit Zeichen verständigen kann. Doch schnell ist die Berührungsangst weg. Ich werde breit angelächelt, alle wollen, dass ich von ihnen Photos mache. Man sieht den Kindern nicht an, was für ein hartes Leben sie abseits der Tagesbetreuungszentren von SONNE-International führen müssen. Lachend, tanzend und spielend wirbeln sie durch das Zentrum. Herzerwärmend. Wie hart ihr Leben in den Slums ist, sehe ich ein paar Tage später.

Gemeinsam mit zwei Kindern aus dem DCC3 und Aung Zin Oo, dem zurzeit einzigen männlichen Lehrer der Tagesbetreuungszentren, besuchen Laura und ich die Slums, wo die Kinder wohnen. Für mich ist es das erste Mal überhaupt in einem Slum. Bei meinen bisherigen Reisen nach Asien habe ich sie nur aus sicherer Entfernung, beim Vorbeifahren aus den Taxis gesehen. Jetzt stehe ich hier mittendrin, mit einer Spiegelreflexkamera in der Hand und halte die Lebensumstände der Kinder fest. Die „Hütten“ bestehen aus Holz, manche haben den „Luxus“ ein Wellblechdach zu haben, andere bestehen nur aus Holz und Stroh. Während ich perplex ein paar Photos mache, rennen die Kinder freudig zu ihren Hütten. Wie viel Lebensfreude in diesen Kindern steckt, überwältigt mich. Grinsend posen sie vor den Hütten, die von Müll umgeben sind. Kurz kommt mir der Gedanke, wie sicher es ist, protzig mit einer Spiegelreflexkamera durch die ärmsten Viertel zu spazieren, doch auch hier fühle ich mich, in der Anwesenheit von Aung Zin Oo, Laura und den Kindern, in keinem Moment unsicher, der einzige Grund für mein Unwohlsein ist zu sehen, wie mehrere hundert Millionen Menschen leben müssen. Nicht nur in Myanmar, sondern auf der ganzen Welt.

Mit den Kindern habe ich ein ewiges Namensspiel. In Burmesisch gibt es den Buchstaben „R“ nicht wirklich, so ersetzen die Kinder das „R“ in Mira, entweder mit einem „L“ oder einen „G“. Hier bin ich also abwechseln Miga oder Mila oder gar ganz einfach Mia. Das erinnert mich an meine kleinen Nichten und Neffen, die dasselbe Problem mit meinen Namen haben. Verflixtes „R“. Bei einen meiner Besuche in den DCCs stellen sich die Kinder an, um mir eines nach dem anderen ihre Namen zu sagen. Wie sie meinen Namen nicht aussprechen können, habe ich große Schwierigkeiten, ihre Auszusprechen. Die bekannte Sprachbarriere. Namen wie Myo Min Latt oder San Zarni bringen mein Namensgedächtnis zum Rauchen, doch die Kinder haben Spaß dabei zu hören, wie ich beim aussprechen verzweifle. Kinderlachen erfüllt die DCCs. Laut und schrill und doch sind die Kinder sehr diszipliniert. Ich bin beeindruckt, wie alle Kinder beim Mittagessen warten, bis sich alle gewaschen haben und jedes Kind etwas zu essen hat. Kein einziges berührt das Essen auch nur. Ob sowas im Ferienlager, wo ich im normalen Leben im Sommer arbeite, auch möglich wäre? Bestimmt nicht.

Da die DCCS, wie auch das SONNE-Büro, bis auf Ausnahmen am Wochenende geschlossen sind, erkunde ich das alltägliche Leben in Yangon. Was mir zu Beginn als lebendiges Chaos vorkam, weist bei wiederholter und genauerer Beobachtung doch eine gewisse Ordnung auf. Die VerkäuferInnen, welche auf der Straße ihre Waren – klassisch Obst, Gemüse, Street Food aber auch Sonnenbrillen, Gürtel, Hüte etc. – verkaufen, sieht man jeden Tag am selben Ort. Ob durch Zufall oder durch Vorgaben vermag mein touristisches Auge nicht zu unterscheiden, aber eine gewisse Ordnung gibt es, das steht fest! Die Straßen Yangons sind voller Leben und dem ständigen Wandel unterworfen. Wo man sich am Tag noch durch Autos schlängeln muss, welche sich durch lautes Gehupe bemerkbar machen – ein Geräusch, welches mich nach einer Woche nicht mehr jedes Mal zusammenschrecken lässt – stehen am Abend überall Tische von Restaurants und in manchen Straßen, wie der 19th Street in Downtown (meine Straße für ein Feierabendbier, weil sehr gut und billig) wachsen aus dem Nichts Nightmarkets. Mobile Lichter werden installiert, damit man auch in der Dunkelheit der Nacht die Ware noch perfekt erkennen kann.

Egal ob bei Tag oder bei Nacht, eine gewisse Beweglichkeit beim Gehen und gute Ausweichmanöver braucht man in Yangon immer.

Teil 1 – Erste Eindrücke der Metropole

Bevor meine Zeit als Volontärin bei SONNE in Myanmar beginnt, hatte ich drei Tage Zeit, die Metropole Yangon für mich zu entdecken. Lebendig. Das ist das Erste, was mir zu Yangon einfällt. Besonders auf den Straßen, wo sich Autos und Fahrräder einen Kampf der Lautstärke liefern. Hier gilt, wer lauter hupt, hat das Vorrecht. Dabei muss man sich als Europäerin erstmal daran gewöhnen, dass Hupen nicht zwingendermaßen „aggressiv“ sein muss, vielmehr ist es wie das Bellen von Hunden, man macht auf sich aufmerksam. Das ist hier sehr wichtig, denn die Ampelzeichen werden hier von den Fußgängern ignoriert. Wo man zwischen den Autos einen Platz zum Durchgehen findet, tut man dies. Ideal für mich. Zweimal zugesehen und schon ragt mein Kopf zwischen den, im Durchschnitt doch eindeutig kleineren Burmesinnen und Burmesen und den fahrenden Autos hervor. Wundervoll chaotisch geht es auch auf den Gehsteigen weiter. Ein buntes Treiben, wo man hinsieht.

Die Gehsteige Downtowns dienen gleichzeitig als Markt. Wo man hinsieht, sieht man Essen. Mir unbekannte Früchte und noch unbekannteres Essen ist in Massen vorhanden. Eindrücke, die ich erstmal verdauen musste. Doch die Menschen in Myanmar machen es einem sehr leicht, sich in das Land und die Menschen zu verlieben. Wo man hinsieht, lächeln einen die Menschen an. Man fällt halt doch auf, als Europäerin.  Aber die Menschen hier sind so nett, dass ich kein Problem damit habe. Das einzige Problem ist die Sprachbarriere. Ich spreche nun mal gar kein Burmesisch und die meisten Burmesen nur sehr wenig bis gar kein Englisch. Trotzdem funktioniert das Leben hier recht gut. Sogar Handeln, was zu meinen liebsten Dingen auf Reisen gehört, funktioniert, die Preise können dann nämlich doch alle. Also gleich rein in den Bogyoke Aung San – Market, gleich im Zentrum. Hier gibt es alles. Kleidung, Souvenirs, Möbel, Taschen… Als anpassungsfreudige Touristin war es mir natürlich wichtig, mir gleich ein traditionelles Kleidungsstück zuzulegen, einen Longyi, ein Tuch, welches von Frauen, gleich wie Männern, wie ein bodenlanger Rock getragen wird. Sieht gut aus und hat auch bestimmt einen praktischen Zweck, also los. Großes Problem hier: Die Sprache. Bis auf den Preis haben sich die herzliche Verkäuferin und ich auf Zeichensprache verständigt. Beide haben wir beim Handeln um den Preis unsere Hundeaugen ausgepackt. Wer gewonnen hat, kann ich nicht sagen, aber zufrieden waren wir glaub ich beide, was mich danach zum Entschluss gebracht hat, dass ich wahrscheinlich zu wenig hartnäckig war. Egal, Übung macht die Meisterin. Und handeln üben kann man hier ausgesprochen gut, egal ob beim Einkaufen oder mit den Taxifahrern. Immer handeln!

Das Wort LEBENDIG zieht sich wie ein Band durch meine Eindrücke von Yangon. So auch, als ich am zweiten Tag eine Zugfahrt unternommen habe. Die Circuit-Lane macht eine Runde, bei welcher man Yangon abseits der touristischen Gegenden vom Zug aus betrachten kann. Wellblechdächer und Holzhütten prägen hier die Aussicht. Dank der allseits anwesenden Sprachbarriere stieg ich allerdings in einen Zug, welcher nur die halbe Strecke hin und zurückfuhr, was mir aber die Chance gab, das Leben im Zug zu beobachten. Im Minutentakt kommt jemand vorbei und verkauft Getränke, Wachteleier, Gebäck und noch so viele weitere Dinge, die mein ungeübtes Auge nicht zu erkennen vermochte. Schmunzelnd musste ich an das Zugleben in Österreich denken, wo offiziell sogar das Telephonieren verboten ist und das einzige Angebot der Trolley mit überteuerten Snacks und labbrigen Trammezzinibrötchen ist. Unterschiedlicher kann’s kaum sein.

Was mich aber glaub ich in den ersten Tagen in Yangon am meisten fasziniert hat, war die Verbindung, welche hier zwischen Alltag und Religion herrscht. Man möge sich doch mal vorstellen, was passiert, wenn in einer österreichischen Kirche die Menschen anfangen würden, sich lauthals zu unterhalten, ihr Mittagessen auszupacken, zu telefonieren und je nach Lust und Laune vielleicht auch noch eine Zigarette zu rauchen. In den buddhistischen Pagoden, in welchen Relikte von Buddha aufbewahrt werden, ist dies normal. Alltag und Religion gehören hier zusammen wie Pech und Schwefel. Das eine scheint ohne das andere nicht zu funktionieren. Eine eigene Welt, diese Pagoden. Die bekannteste davon, die Shwedagon-Pagode, stellt hier nochmal eine Ausnahme da. Wie ein Dorf erscheint die Terasse mit all ihren Schreinen und der riesigen goldenen Stupa, die sich in der Mitte der Terrasse über den Schreinen erhebt. Gute 20 Minuten hat es gedauert, bis ich diese umrundet hatte, etwas perplex von so viel Gold auf einmal. Es hat mich auch bestimmt nicht schneller gemacht, dass ich zweimal mit einer Gruppe von Menschen für jeweils fünf Photos posen (es will ja jedes Familienmitglied ein Photo mit der großen, weißen Ausländerin) und meine Standardunterhaltung „Where are you from?“ – „Austria“ – „Ahh Australia“- „No, no Austria, like little Germany, but not Germany!“ – führen musste . Hier ist man selbst eine kleine Sehenswürdigkeit. Habe mir den Spaß nicht nehmen lassen und selbst mein Handy gezogen, um ebenfalls ein Selfie zu machen.

Nach drei Tagen Yangon fühle ich mich jetzt schon wohl, was bestimmt daran liegt, dass hier jeder nett ist und man sich auch bei Nacht wirklich sicher fühlt. Lebendig, anders und einfach nett.

Willkommen in Myanmar!