FILM AB ! Rückblick auf eine spannende Indienreise mit viel Frauenpower!!!

von Armin Mösinger (Dezember 2017)

Die Vorbereitungen für eine Projektreise sind für mich schon ein wenig zur Routine geworden. Eine gute Checkliste hilft mir immer, nichts beziehungsweise wenig zu vergessen. Da ich bei dieser Reise mehrere Wegbegleiter hatte, war die Organisation für diesen Trip nun doch eine größere Herausforderung für mich als sonst. Schon alleine einen gemeinsamen Zeitplan für alle Beteiligten zu finden war ein kleiner Drahtseilakt. Standard sollte bei dieser Reise sowieso nichts werden, denn ich hatte das Vergnügen von Alisa Buchinger (Karate-Weltmeisterin und SONNE-Projektpatin), Marion Mayer-Hohdahl (TV-Journalistin), Erfried Malle (Obmann von SONNE-International) und Dr. Fridolin Stögermayer (Indien-Projektvater) begleitet zu werden. Für zwei Tage schickte uns noch ein österreichischer Energietrinkproduzent den indischen Fotografen Pal Pillai aus Mumbai vorbei. Neben umfangreichen Projektaktivitäten standen dieses Mal die Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über die Stellung der Frauen in der indischen Gesellschaft auf der Agenda. Die Filmemacherin Marion Mayer-Hohdahl bei dieser Arbeit zu unterstützen war für mich ganz etwas Besonderes, denn ihr unermüdliches Interesse an Hintergrundgeschichten  öffneten auch mir die Augen aufs Neue!  Eine tolle Erfahrung eine Journalistin zu begleiten und dadurch einen noch besseren Einblick in die indische Gesellschaft zu bekommen, auch wenn es nicht immer leicht war, die Geschichten unserer Interviewpartner zu hören: Wenn es um die Rolle der Mädchen und Frauen in der indischen Gesellschaft geht, kommen teilweise sehr schrecklich Schicksale ans Tageslicht.

Hier möchte ich ein paar Highlights meiner Reise mit euch teilen:

Neue Einblicke durch die DREHARBEITEN mit Marion Mayer-Hohdahl

Als wir im Rahmen der Dreharbeiten von der Vergewaltigung einer unserer Schülerinnen erfahren haben, waren wir sehr betroffen. Diese schreckliche Tat ist an einem Wochenende passiert und der Täter hat diesen gewalttätigen Übergriff systematisch geplant. Die Verwandten und Nachbarn wollten die Eltern des betroffenen Mädchens daran hindern, sich an die Polizei zu wenden, denn es beschmutzt die Ehre der Familie. Da die Verletzung so stark war, musste ein Arzt zu Hilfe kommen und die Eltern fanden dann doch den Mut  diese Vergewaltigung bei der Polizei zu melden.  Frauengruppen in Indien kritisieren, dass die Strafverfolgung extrem nachlässig ist. Daher müssen wir die Mädchen präventiv stärken – nur da können wir effektiv ansetzten. Es ist extrem wichtig Mädchen präventiv auf solche Übergriffe vorzubereiten. Selbstschutz ist das Ziel unserer Selbstverteidigungskurse. Leider schauen, wie auch dieser Fall zeigt, vielen Menschen bei sexueller Belästigung einfach weg, was zu einer Normalisierung von Gewalt und zur Abwertung von Frauen führt. Vieler Oper schweigen aus Angst vor sozialer Ächtung. Die Eltern der Opfer machen einen sexuellen Übergriff nur selten öffentlich und gehen fast nie zur Polizei, weil dadurch der Ruf der Familie befleckt wird. Die Interviews die Frau Mayer-Hohdahl geführt hat, haben erneut aufgezeigt, dass die Rolle der Mädchen und Frauen in Indien leider noch immer sehr schlecht ist. Ich hoffe, dass sich aufgrund unserer Projekte unsere Schülerinnen zu selbstbewussten Frauen entwickeln werden.

Das SONNE-SPORTFEST schafft Bewusstsein für Frauenrechte

Gemeinsam mit unserer lokalen Partnerorganisation organisierten wir ein umfangreiches Sportfest, bei dem mehrere Hundert Menschen aus der lokalen Community anwesend waren. Neben Sportwettkämpfen war das Highlight die Vorführung unserer TeilnehmerInnen am Karate-Workshop. So konnten wir bei der Dorfbevölkerung noch mehr Interesse und Akzeptanz erreichen. Viele politische Vertreter war anwesend und haben in ihren Reden die Wichtigkeit unsere Selbstverteidigunskurse für Mädchen betont. Dass Alisa Buchinger (SONNE-Projektpatin und Karateweltmeisterin) anwesend war, gab unseren SchülerInnen noch mehr Motivation zu trainieren. Einen Tag später wurde  in fünf lokalen Zeitungen über Alisa und unsere Selbstverteidigungskurse berichtet. Viele lokale Politiker haben unser Karate-Projekt in ihren Reden sehr gelobt und auf seine Bedeutung hingewiesen, was für mich ein Zeichen ist, dass unser Projekt nun endlich von der lokalen Community mit hohem Interesse verfolgt wird.

Ich bin fest davon überzeugt, dass sportliche Aktivitäten ein wesentlicher Bestandteil von Bildungsprojekten sein müssen, weil sich der Ausgleich zum regulären Unterreicht sehr positiv auf die Lernerfolge und die generelle Entwicklung auswirkt. Unser LehrerInnen haben mir erzählt, dass die Mädchen, die am Karateworkshop teilnehmen, im Unterricht viel konzentrierter wurden.

KINDERFEST in der SONNE-Schule in Basadhi Village

Einen Tag nach dem Sportfest organisierte unser indische Partner ein Schulfest in unserer SONNE-Schule in Basadhi. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden u.a. die GewinnerInnen vom Sportfest ausgezeichnet. Unsere SchülerInnen hatten sehr viel Spaß an diesem Tag uund ich habe mich auch von dieser tollen Stimmung anstecken lassen. Es tut so gut, wenn Kindern fröhlich sind!

TRAURIGER BESUCH bei der Frau eines verstorbenen SONNE-Lehrers. Übergabe einer Starthilfe

Als ich heuer beim SONNE-Teambuilding auf der Rax war bekam ich ein schockierendes Mail auf mein Handy: Einer unser Lehrer war gestorben. Ich kannte ihn gut und mochte ihn wirklich sehr. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Meine indischen Kollegen wussten auch nicht, woran er starb, obwohl er im Krankenhaus war. Er war 30 Jahre jung und hinterließ seine Frau und drei kleine Kinder. Wie soll nun diese Frau ohne das Einkommen ihres verstorbenen Mannes die Kinder ernähren? Ich besuchte seine Familie und es war für mich nicht leicht in die Gesichter seiner Kinder zu sehen die ihm extrem ähnlich sahen.  Sie strahlten mich an und ich war mir sicher, dass sie noch zu klein sind, um mitzubekommen, dass ihr Vater nie wieder von der Schule nach Hause kommen wird. Seine Mutter und seine Frau weinten, denn sie wissen nicht, wie sie die Kinder – ohne Sozialsystem – ernähren sollen. Unsere Starthilfe wird zwar ein paar Monate helfen, aber was kommt dann? Die 50 Euro, die der Vater verdiente, waren zwar nicht viel, aber ausreichend um die Familie ernähren zu können. Dieses Geld fehlt nun! Ich hoffe sehr, dass ich bald Paten finden kann, die mit einem monatlichen Betrag dieser mittelosen Familie das Überleben sichern. Als ich in die Gesichter der Kinder sah, beschloss ich, dass ihnen helfen muss und hoffentlich auch kann. Bitte meldet euch bei mir, wenn ihr dieser Familie helfen möchtet.

Unsere SELBSTVERTEIDIGUNGSKURSE mit Alisa

Mit Selbstverteidigungskursen für Mädchen in Indien setzen wir von SONNE-International seit vier Jahren eine Maßnahme zur Prävention gegen sexuelle Übergriffen. Bereits 100 Mädchen nehmen derzeit an unseren drei SONNE-Schulen an einem professionellen Selbstverteidigungstraining teil. Dort lernen sie, sich körperlich zur Wehr zu setzen und selbstbewusst aufzutreten.

Alisa war mit mir schon 2015 hier in Indien, um unsere Schülerinnen gemeinsam mit unserer lokalen Karatelehrerin in Selbstverteidigung zu trainieren. Ich kann euch versichern: Die Mädchen liebten das Training mit Alisa. Ihr guter Zugang zu den Mädchen machte das Training für alle Beteiligten zu einem schönen Erlebnis.

Allgemeine Gedanken zu unserem Projekt:

Die Mädchen die wir durch unsere Karate-Workshops stärken werden die Mütter von morgen sein. Selbstbewusste Frauen werden ihre Kinder mit Sicherheit auch zu emanzipierten Frauen  erziehen und so kann sich über Generationen die Rolle der Frauen in Indien nachhaltig verbessern. Eine Kampfkunst wie Karate zu erlernen, kann das Selbstbewusstsein von Mädchen und jungen Frauen enorm steigern. Im Training erfahren sie, dass sie mit der richtigen Technik auch körperlich überlegene Gegner in die Flucht schlagen können. Und dabei merken sie, dass sie Belästigungen und Übergriffe nicht hinnehmen müssen, sondern sich auch wehren können und dürfen. Das lässt sie im Alltag gleich viel sicherer auftreten. Damit wird nicht nur jede einzelne Teilnehmerin gestärkt – auch die Rolle von Frauen in der indischen Gesellschaft wird sich langfristig verbessern. Wichtig ist mir, in den Communities ein Problembewusstseins zu schaffen. Unser Ansatz bleibt nicht bei den Selbstverteidigungskursen stehen. Zentrales Element unserer Initiative ist die Bewusstseinsbildung in den lokalen Gemeinschaften. Für die Karateschülerinnen selbst werden Workshops angeboten, in denen sie für das Thema der sexuellen Gewalt sensibilisiert und über ihre Rechte aufgeklärt werden. In den Workshops vermitteln wir, ab wann ein Eingriff in die sexuelle Integrität eines Menschen stattfindet. Und wir klären die Teilnehmerinnen über ihre Rechte auf und sagen ihnen, wo Gewaltopfer Unterstützung bekommen können. Gleichzeitig wird besonderes Augenmerk auf Gespräche mit den Eltern gelegt. Auch mit ihnen wird über die Rolle von Frauen in der indischen Gesellschaft, über Gleichberechtigung und Gleichstellung gesprochen. Denn schließlich wird auch die Erwachsenengeneration gebraucht, wenn sich am Problem der Diskriminierung von Frauen und der sexuellen Gewalt etwas ändern soll. In Zukunft sollen genug Mittel aufgetrieben werden, um das Projekt auszuweiten und die Anzahl der Plätze zu erweitern. Damit Frauen in Indien sicherer werden, muss sich auch das System ändern – es müssen mehr Frauen im Parlament und in wichtigen Positionen sitzen. Durch unser Schulprojekt hoffen wir darauf, dass wir unsere Schülerinnen bestmöglich ausbilden, damit sie später einen guten Job bekommen und ihre Rahmenbedingungen auch selbst mitgestalten können.

Zum Glück trauen sich in westlichen Ländern immer mehr Frauen, ihre Stimme gegen Gewalt zu erheben und Opfer machen ihr Schicksal öffentlich. Dieser Diskurs ist wichtig und schafft Bewusstsein. Jedoch die Stimmen der Dalit-Mädchen aus dem indischen Hinterland hört leider niemand. Deshalb sind wir von SONNE-International vor Ort, um auch diesen Kindern eine Stimme zu geben. Es leben fast 1,3 Milliarden Menschen in Indien und davon sind nicht ganz die Hälfte Mädchen und Frauen. Wir können leider nicht allen helfen, aber für uns zählt jedes einzelne Schicksal und deshalb haben wir hier in diesen Dörfern begonnen.

Auch das INDISCHE FERNSEHEN zeigte Interesse an unserem Mädchenprojekt und stattete uns eine Besuch ab

HAUSBESUCH bei unserer lokalen Karatelehrerin in Gaya

ABSCHLUSSTRAINING in unserer Schule in Basadhi

 

Ich bin sehr froh, dass uns Alisa als Projektpatin seit mehreren Jahren begleitet und auch die Mädchen vor Ort trainiert. Ihre Vorbildwirkung ist einfach ein Wahnsinn.  Durch Alisas Bekanntheit können wir dieses Projekt ohne hohe Marketingausgaben in die Öffentlichkeit tragen. Leider läuft die Förderung für dieses Mädchenprojekt heuer aus. Dann hoffen wir auf die Unterstützung von Privatpersonen. Ohne Spenden sind wir nicht in der Lage, dieses wichtige Projekt fortzuführen und können diese Mädchen nicht mehr stärken. Unsere Unterstützung in Indien ist von eurer Unterstützung abhängig. Immer mehr Mädchen aus den Dörfern möchten jedoch an unseren Workshops teilnehmen, und deshalb wäre er sehr schade, wenn wir keine SpenderInnen finden würden, um dieses wichtige Mädchen-Projekt fortführen zu können. Anyway….

Diese Reise war für mich eine zusätzliche Motivationsquelle, um mit unserem Engagement in Indien weiterzumachen. Zusammen können wir die Rolle der Frauen in Indien verbessern.

Ich freu mich schon jetzt auf dem Film!

Alles Liebe, euer Armin