SONNE-Obmann Erfried Malle berichtet über seine Äthiopienreise / Juni 2017

Es ist sengend heiß. Das Thermometer zeigt 45 Grad an, es ist 11 Uhr am Vormittag und die Temperatur wird im Laufe der nächsten 3-4 Stunden weiter auf über 50 Grad Hitze steigen. Für einen Europäer ist diese Temperatur schon bedrohlich und gefährlich. Ich bin mit unserer lokalen Partnerorganisation APDA unterwegs, um mir ein Bild von der unglaublich harten Realität zu machen, denen die Afar-Nomaden derzeit ausgesetzt sind.

Wir befinden uns ca. 550 Kilometer nordöstlich von Addis Abeba, in einem riesigen Steinwüstengebiet an der Grenze zu Erithrea und Djibouti. Hier leben einige hundert tausend Menschen weit abseits der modernen Zivilisation. In dieser schwersten Dürre seit über 30 Jahren, die schon unzählige Opfer gefordert hat, sind sie es, die von der Regierung alleine und ohne Lebensmittelhilfe gelassen werden. Nur die lokale Partnerorganisation von SONNE-International ist noch vor Ort um zu helfen. Alle 3 Tage kommt ein Tankwagen und befüllt die aufgestellten 3000 Liter – Plastiktanks. Das Wasser darin hält nur für etwa 2-3 Tage, denn es leben insgesamt mehr als 250 Familien aus der näheren Umgebung davon. Geht das Wasser früher zur Neige, müssen die Frauen sich auf den Weg machen. Sie müssen derzeit, da es im Bezirk keine Wasserreserven mehr gibt, sich bis zu 24 Stunden auf den Weg machen, um in den Nachbarbezirken ihre Wasserkanister vollzufüllen.

Man darf gar nicht daran denken, was passieren würde, wenn dieser Tankwagen ein technisches Gebrechen hätte.

Die Regierung spricht derzeit offiziell von 48 % chronisch mangel- und unterernährten Kindern in der Afar-Region. Die Afar-Region zählt in Äthiopien zu der ärmsten Region des Landes. Der Entwicklungsprozess hat hier erst vor kurzem begonnen. Es gibt fast keine medizinische Versorgung, kein Sozial- und Gesundheitswesen. Die Menschen sind auf sich allein gestellt. Das Leben in der Afar-Region wird von Jahr zu Jahr schwerer, denn jedes Jahr bleiben immer mehr zu erwartende Regenfälle aus. Die Probleme der Bevölkerung akkumulieren sich. Die Hoffnung und auch der Körper der Menschen wird schwächer und schwächer -in jeder Siedlung hört man von Todesopfern, die der Dürre zuzuschreiben sind. Das Überleben der Neugeborenen hängt von der zur Verfügung stehenden Muttermilch ab. Wenn diese fehlt, dann haben die Babys fast keine Chance zu überleben.

Die Tragik daran ist, dass, wie immer diese Dürre in den kommenden Monaten auch ausgehen mag, sich dieser chronische Hunger der Kinder nicht nur auf das körperliche Wachstum, sondern ebenso auf die geistige und seelische Entwicklung auswirkt. Seit einem Jahr hat es in Geyga nicht mehr geregnet, zuvor hat es auch nur einen einzigen kurzen Regenschauer gegeben.

Das seit 2005 bestehende mobile, der nomadischen Lebensweise angepasste Alphabetisierungs- und Gesundheitsprogramm von SONNE-International ist durch diese humanitäre Krise auch stark gefährdet, da derzeit alle vereinten Kräfte herangezogen werden, um den Hunger und den Durst der Menschen vor Ort zu stillen. Im letzten Jahr sind 90% des Ziegenbestandes in den von der Dürre betroffenen Bezirken bereits verendet oder mussten verkauft werden, um Getreide einzukaufen. Als Nothilfsmaßnahme startet SONNE-International nun ein Ziegenwiederaufstockungsprogramm für die von der Dürre besonders schwer betroffenen Familien, bei dem Ziegen und auch Ziegenfutter übergeben werden.

Es ist eine Tragik, dass Mitte des 21. Jahrhunderts zig-tausende Kinder seit Monaten nur noch mit dem wenigen Wasser und Brot auskommen müssen und viele dieser Kinder trotzdem nicht ihr nächstes Lebensjahr erreichen werden. Diesen Kindern fehlt es an frischer Milch, die all die Nährstoffe zuführen könnte, welche die Kinder für eine gesunde Kindesentwicklung benötigen. Eine große gesunde Ziege kostet derzeit 25 Euro, mit einer Spende in Höhe von 100 Euro könnten wir einer Familie 3 Ziegen inklusive Ziegenfutter übergeben, so dass diese größte Dürre dieser Generation auch überstanden werden kann.

Afar 2016 – der tägliche Kampf ums Überleben geht weiter…

Diesmal treffe ich mit recht gemischten Gefühlen in Äthiopien ein. Die Nachrichten der vergangenen Wochen waren nicht gerade erfreulich – Unruhen und Proteste gegen die Regierung vor Allem südlich von Addis Abeba in der Oromiya-Region und auch in Bahir Dar, der nördlich gelegenen Hauptstadt der Region Amhara lassen mich Schlimmes erwarten. Seit etwa 6 Wochen gilt eine nationale Notstandsverordnung und nur eine Neubesetzung einiger Regierungsämter konnte die Lage ein wenig beruhigen. Zusätzlich gab es in unserer Projektregion Afar, im nördlichen Tiefland, einen Tag nach meinem letzten Besuch wieder einen Zusammenstoß militärischer Einheiten aus Äthiopien und Eritrea mit tödlichen Verlusten auf beiden Seiten.

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Die verstümmelten Mädchen von Gewaane

Ernüchternd war der erstmalige Besuch unseres Gesundheitsprojektes in Gewaane, wo wir ein von der ADA finanziertes Gesundheitsprojekt besuchten und in dem wir uns vor allem um Frauen- und Kindergesundheit kümmern.

Gewaane befindet sich 300 Km südlich von Logya: Neben dem Awash –Fluss ist eine größere lose Siedlung mit etwa 700 Haushalten entstanden, deren Menschen in größter Armut und Abgeschiedenheit leben. Am Rande des Dorfes gibt es große Mais- und Baumwollplantagen. Zuerst denken wir, es kann den Einheimischen ja wohl nicht schlecht gehen, oder?

Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Felder gehören externen Konzernen, die zumeist sogar ihre Feldarbeiter von außen mitgebracht haben. Das Umfeld blüht und gedeiht – die ansässige Bevölkerung muss dabei zusehends verhungern.

Die Dorfbewohner leiden unter Mangelernährung, Malaria und Durchfallserkrankungen. Fast allen Kindern war die Mangelernährung sogar ins Haar geschrieben. Ins Haar geschrieben? Ja, denn ein Anzeichen von Unterernährung sind die blonden oder rötlichen Haare der Kinder. Und von denen gab es viele. Sehr viele sogar.

Mangelernährt

Mit großem Enthusiasmus erzählte uns eine von SONNE finanzierte Gesundheitsbetreuerin von den Erfolgen im Kampf gegen FGM. Ich freute mich sehr, dass unser Bemühen so rasch Wirkung zeigen. Das Aufklärungs- und Gesundheitsprojekt hat erst vor einem Jahr begonnen und schon geht die Zahl der Verstümmelungen zurück! Doch plötzlich passierte es: Unsere Euphorie und Freude wurde plötzlich von Valeries Schimpfen und Schreien unterbrochen. „Ohhhh noooo! This cannot be!“ Das Dorf lief zusammen. Was war los? Was war passiert?

FGM-Aufklärung2

Was war zuvor geschehen? Valerie tat dasselbe wie immer: Sie spielte mit einem kleinen Mädchen. In einem unbeobachteten Moment tat sie das, was sie immer tut. Sie wollte sich mit ihren eigenen Augen überzeugen. Also öffnete sie die Beine der Kleinen, um zu kontrollieren, ob das Mädchen beschnitten sei. Doch diesmal traute sie ihren Augen nicht. Die schlimmste Form der Beschneidung war an diesem kleinen Mädchen vollzogen worden. Nicht wie sonst üblich die Sunna, also die Entfernung der Klitoris, sondern die Infibulation – dabei werden dem Mädchen die Schamlippen mit einer Rasierklinge bei vollem Bewußtsein abgetrennt und dann mit einen Bindfaden die Vagina zugenäht. Dann fiel Valeries Blick auf ein weiteres Mädchen und dann noch auf ein weiteres. Valerie war entsetzt – sie schrie – wir waren alle zutiefst geschockt. Keine Rede von Erfolg gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Die Vagina der Mädchen war bis auf eine kleine, stecknadelgroße Öffnung zugenäht worden! Die Mutter der Mädchen meinte nur, dass sie davon nichts mitbekommen habe, denn sie sei bei der Entbindung ohnmächtig geworden. Die Schwiegermutter hätte dies veranlasst. …

FGM-Aufklärung1

Ich denke, es wird wohl noch mehrere Generationen dauern, bis die Menschen von dieser unmenschlichen, menschenverachtenden Tradition ablassen werden. Der Kampf gegen die Genitalverstümmelung wird allerdings nur dann gewonnen werden können, wenn der Kampf gegen die Armut gewonnen wird. Dann, wenn Schulbildung flächendeckend angeboten werden kann und wenn sich das Verständnis dafür in den Köpfen der Bewohner durchsetzen kann. Für die SONNE bedeutet das: Wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen auch in Zukunft alles daran setzten, dass alle Menschen, egal wo sie geboren werden, die gleichen Chancen auf ein menschenwürdiges Leben bekommen.

Genitalverstümmelt

Dr. Mahe und die SONNE-Nomadenschule

Als wir nicht mehr daran glaubten, dass wir den einzigen Afar-Doktor, der in der Afar-Region praktiziert, vor die Linse bekommen würden, ist es uns doch noch gelungen, und zwar am letzten Tag. Sein Name: Dr. Mahe Ali.

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Dr. Mahe, 31, ist der einzige Afar-Arzt, der in einem nomadisch lebenden Clan aufgewachsen ist. Er hat uns bestätigt, wie wichtig unsere Nomadenschulen sind.

Seine Geschichte: In seiner Kindheit hütete er, so wie alle anderen Kinder auch, die Tiere seiner Familie. Er lebte mit seinen Eltern und 8 Geschwistern in einem traditionellen Afar-Zelt. Der kleine Ali Mahe musste seit seinem 5. Lebensjahr auf die Ziegen seiner Familie aufpassen. Als dann die „Schule unterm Baum“ in sein Dorf kam – er war gerade 11 Jahre alt geworden – begann sein Interesse fürs Lernen. Er wollte unbedingt lesen und schreiben lernen, genauso wie seine 7 anderen Brüder, sein alter Vater und seine kleine Schwester. Ali war stets der Beste seines Jahrganges – bis zum Abschluss seines Medizinstudiums. Derzeit arbeitet Dr. Mahe an unterschiedlichen Kliniken in der Afar-Region. Was er sich wünscht: Noch eine bessere Ausbildung zu haben, um seinem Volk noch besser helfen zu können. Alle Patienten schätzen es sehr, dass sie erstmalig von einem Afar-Arzt untersucht werden, mit dem sie sich in ihrer eigenen Sprache verständigen können. Für Dr. Mahe kommt ein Wegziehen aus der Region auf keinen Fall in Frage. Die Afar-Region ist ja seine Heimat! Mittlerweile haben auch all seine Geschwister ihr Studium abgeschlossen, außer dem ältesten Bruder. Dieser hat seine ganze Kraft darauf verwendet, seinen jüngeren Geschwistern die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen.

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Dr. Mahes Lebensweg ist für mich eine der schönsten Erfolgsgeschichten in unserem gesamten Äthiopienprojekt. Sein Werdegang zeigt, dass die SONNE – Nomadenschulen Wirkung zeigen. Sehr viel Wirkung sogar. Euphorisch berichtet Dr. Mahe, dass nicht nur er sein Studium abgeschlossen hat, sondern dass auch viele andere ehemalige Schüler der „Schule unterm Baum“ heute als Manager, Universitätsmitarbeiter, Veterinärmediziner, Buchhalter, etc… tätig sind. Sie alle erhielten ihre Initialzündung in den Nomadenschulen. Ich denke, dass wir in Zukunft auch von Mädchen ähnliche Erfolgsgeschichten hören werden, denn unsere Schülerheime für mittlere und höhere Bildung für Mädchen werden bald Wirkung zeigen.

Ausrangierte Panzer, Kamelmilch und dazwischen eine Kamera

Bure – nördlichster Punkt der Afar-Region; Die Stadt Eli Daar haben wir bereits hinter uns gelassen. Vor uns die eritreische Grenze. Dazwischen Niemandsland. Wie Maulwurfshügel erheben sich in der Ferne die Afar-Hütten aus dem staubigen Boden. Hundert Meter hohe Staubwirbel bewegen sich langsam über die Tiefebene, dahinter die heiß umkämpfte eritreische Grenze. Noch vor 15 Jahren haben hier schwere Gefechte stattgefunden. Schützengräben durchziehen die Berge von Bure. Neben der Straße befinden sich, vom Krieg zurückgelassen, ausrangierte Panzer. Steinerne Beobachtungsposten alle 5 Kilometer – Soldaten tauchen immer wieder aus dem Nichts auf. Das muss wohl der entlegenste Außenposten des äthiopischen Militärs sein!

 

Wer Bure besucht, der tut dies nicht zu seinem Vergnügen. Jeder, der hierherkommt, hat eine Aufgabe zu erledigen. UN-Vertreter kontrollieren die Verteilung von Hilfsgütern, Entwicklungshelfer versuchen langfristig zu helfen, Kameraleute wollen eine Doku drehen – genau das haben auch wir hier in den nächsten 10 Tagen vor: einen Film zu machen über die Projekte von SONNE-International – in der unwirtlichsten Region der Erde.

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SONNE organisiert – MEDIACOM finanziert: 12 mobile Nomadenschulen und 2 Schülerheime für Hauptschüler. Weitere Finanziers: Das Außenministerium und die Else Kröner Fresenius Stiftung. Alle wollen das Gleiche: etwas bewegen – den Menschen einen Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglichen.

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Nach einer eineinhalbtägigen Fahrt von Logya – wo unsere Partnerorganisation ihren Sitz hat – Richtung Norden erreichen wir mit unserem Jeep das Ende der Straße. Das ist Bure, die letzte äthiopische Ortschaft. Hier geht es nicht mehr weiter. Unser heutiges Vorhaben: Wir wollen die mit einem Truck herangekarrten Säcke voller Tiernahrung verteilen. Genau das wollen wir filmen. Es sollen 400 Säcke zu je 50 kg an verschiedene Familien verteilt werden. Pro Ziege erhalten die Familien eine Tagesrationen von 200 g auf die Dauer von einem Monat und das für bis zu max. 9 Ziegen pro Haushalt. Diese Menge sollte ausreichen, damit sich die Tiere wieder erholen und gute Milch für die Afar-Kinder abgeben. Von der wilden Straße, die durch endlose Lava- und Sandfelder führt und nur sehr dürftig befestigt ist, sind wir durchgerüttelt und der Staub hat unsere Haare grau gefärbt. Auch die Hitze trägt das Ihre dazu bei, dass uns eine gewisse Trägheit überwältigt. Es hat 38 Grad im Schatten, wir aber haben keine Zeit zum Rasten. Es müssen dringend einige Szenen gedreht werden.

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Die Vorstellung, in dieser Region für immer zu stranden, hier leben zu müssen, ist für uns Europäer nicht nachvollziehbar – nicht erahnbar. Die Landschaft erinnert mich an den Mond. Ich glaube, ich würde hier keine 3 Tage alleine überleben können. Es ist der unwirtlichste Ort auf Erden mit Temperaturen über 50 Grad im Sommer. Für uns ist es die Hölle, wenn man hier leben muss, für die Afar ist es die Heimat – der Ort, an dem sie leben wollen, obwohl nicht genügend Trinkwasser vorhanden ist – keine Sicherheit!

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Ohne dass wöchentlich Wasser hergekarrt wird, kann hier keiner überleben. Ähnlich schaut es mit der Hilfsnahrung aus, die hierher gebracht werden muss und mit Tiernahrung, die die Regierung, aber auch unsere Partnerorganisation APDA zur Verfügung stellen. Die Afar ernähren sich von Milch und Brot. Ich esse beides, liebe aber vor allem die frische warme Kamelmilch, die direkt von der Stute abgezapft wird -während das Kameljunge schreit, weil es von den Zitzen abgehalten wird. In den letzten Monaten haben tausende Familien ihre Tiere verloren. Nun haben Babys, aber auch Erwachsene nichts mehr zu essen. Das macht mich traurig und wütend zugleich – denn ich bin leider machtlos und kann nur sehr begrenzt helfen.

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Was müssen die Menschen denken, wenn wir voll ausgestattet mit Elektronik, Kameras, Laptop und Müsliriegel hier auftauchen? Klar, alle wissen, dass wir ihre Projekte finanziell unterstützen, wir die großen Geldgeber aus Europa sind. Aber was hilft es ihnen jetzt – unmittelbar in dieser Tragödie? Auch heute zeigen sie uns ihre freundliche Gesinnung, denn sie haben eine Ziege für uns geschächtet, die wir in Kürze verspeisen werden. Aber grotesk ist die Situation allemal.

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APDA, unsere Partnerorganisation, bewegt hier Unglaubliches. Sie macht in dieser Einöde ein zumindest teilweises Überleben durch Wasserbecken- und Zisternenbau, durch Hilfslieferungen und durch Community Development erst möglich. Bure ist so weit entfernt von jeglicher Zivilisation, dass wir es uns gar nicht vorstellen können.

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Wir haben damit gerechnet, dass eine Kamelherde das hertransportierte Tierfutter zu den von der Dürre betroffenen Haushalten bringt, aber statt der Kamelherde wurde nur eine Gruppe von Eseln organisiert. Marion dreht – so gut es geht –ihren 27 min. Film, der auf ORF III am 17. Dezember um 21:50 Uhr in der Serie: „Im Brennpunkt“ ausgestrahlt wird.

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Viel Sport und ein „heißer Ofen“

Es tut sich mal wieder so einiges im Dorf der Taifun-Opfer auf Leyte!

Da hier gerade Schulferien bzw. Sommerpause ist, hat sich der Koordinator und Obmann der Siedlungsgemeinschaft und Lehrer im Zivilberuf, Sir Adolpho ,,Totoung“ Raga, alias „Cupido“ (siehe frühere Einträge), etwas Besonderes einfallen lassen. Wenn schon gerade keine Schule ist und zu wenig soziale Aktivitäten für die Kinder und Jugendlichen stattfinden, dann initiiert man halt ein Sportfestival. Lehrer! Die sind halt so gestrickt.

Als cleverer Projektverantwortlicher für die Sozialisierung der Gemeinde kümmerte er sich aber weitestgehend nur um die Finanzierung, die sich teilweise aus Spenden von Honoratioren der Stadt Burauen und teilweise aus den eigenen kleinen Börsen unserer Siedler zusammensetzte, und die Eckpunkte der logistischen und organisatorischen Erfordernisse. Die tatsächliche Ausführung und Inszenierung des Festivals überlies er aber unserer knapp 1 Monat alten Jugendorganisation, mit ihm als versteckt agierender „Glucke“ im Hintergrund. Allerdings musste er kaum eingreifen, denn was die Mädels und Jungs aufgestellt haben, kann sich wirklich sehen lassen!

Allerdings haben auch die Erwachsenen ihren Teil dazu beigetragen. Ursprünglich war ein „half court“ Basketballturnier geplant, aber die Eltern unserer Jugendlichen – sportbegeistert wie sie nun mal sind – haben sofort begonnen, aus eigenen Mitteln ein zweites Gerüst für einen Korb zu bauen, zu lackieren und den Platz für ein Großfeld nach internationalen Maßen vorzubereiten.

Ein Sportereignis wie unser „Mary Mediatrix Grace of All BEC Village – Summer Sport Games 2015“ schreit natürlich geradezu nach einer Parade. Daher gab es einen 2-stündigen Marsch durch die ganze Stadt – und das mit einer Zuglänge von beinahe 1 km, denn niemand wollte dabei fehlen.

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Anschließend eine Fahnen-Parade und Show-Einlagen der Cheerleader und Fans und dann natürlich die Wettkämpfe in Basketball – DER Breitensport auf den Philippinen – und natürlich auch Volleyball.

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Sportler zeigen Flagge

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Basketball ist der beliebteste Breitensport auf den Philippinen…

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…und wird sehr ernst genommen – siehe Luftkampf!

Anschließend eine Fahnen-Parade und Show-Einlagen der Cheerleader und Fans und dann natürlich die Wettkämpfe in Basketball – DER Breitensport auf den Philippinen – und natürlich auch Volleyball.

Und wer mich kennt, weiß, dass ich bei Volleyball nicht zu halten bin und NATÜRLICH habe ich mit einer eigenen Mannschaft außer Konkurrenz an den Spielen teilgenommen – und NATÜRLICH ging das bei mir wie üblich nicht ohne ein „paar Kratzer“; gehört dazu und den Spaß war es auf jeden Fall wert!

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Bin halt immer noch ein „Freak on Wolle-Ball“

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Ich bevorzuge Volleyball – wie die Frauen aus unserem Dorf

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…und den hab ich auch noch gekriegt – nix verlernt!

Die Finali werden 2 Wochen später ausgetragen – am Hauptplatz von Burauen! Das haben wir unserem Bauingenieur, Eng. David Alcober zu verdanken, der im Gemeinderat sitzt und nicht nur für die baulichen Ausführungen verantwortlich ist, sondern auch alles dafür tut, dass unser Programm in der Stadt positiv wahrgenommen wird.

Warum ist das sooo wichtig? Sport ist unheimlich wichtig für den Aufbau einer Gesellschaft – wie in einer Keimzelle in einem Labor entstehen dieselben Konstellationen, wie im „wahren Leben“ auf spielerische Art und Weise und abseits des täglichen Stresses, Arbeit zu finden und die Familie zu ernähren. Sport schafft Selbstbewusstsein und gerade die Parade und der gemeinsame Auftritt am Hauptplatz bedeuten auch, dass sich unsere Junggemeinde in der Stadt präsentieren kann und sich auf breiterer Basis Anerkennung erarbeiten kann. Und genau das ist es, was SONNE-International auch in anderen Projekten mit Sport anstrebt!

Ach ja, warum 14 Tage Pause bis zum Finale? Ganz einfach: einer der Nationalhelden der Philippinen; Manny Pacquiao boxt gegen Floyd Mayweather um Weltmeistertitel dreier verschiedener Verbände – und das geht nun mal vor! Sport rules everything…

Aber auch arbeitsmäßig haben wir wieder einige entscheidende Fortschritte gemacht. Dabei seien insbesondere die Beschlüsse inklusive Entwicklung dreier Trainings für unsere Siedler zu nennen. Diese Trainings sind:

  • „Erste Hilfe“ Kurs für je eine/n Freiwilligen je Haus-Cluster (7 Häuser) plus 3 Teilnehmer aus der Jugendorganisation = 25 TeilnehmerInnen.
  • „Hygiene-Promotion“ Kurs für je eine/n Freiwilligen je Haus-Cluster plus 3 Teilnehmer aus der Jugendorganisation = 25 TeilnehmerInnen.
  • „Mülltrennung und -entsorgung bzw. Abfallwirtschaft“ Kurs für je eine/n Freiwilligen je Haus-Cluster plus 3 Teilnehmer aus der Jugendorganisation = 25 TeilnehmerInnen.

UND natürlich nicht zuletzt unser „heißer Ofen“! Nein, nein – ausnahmsweise kein Motorrad, sondern ein raucharmer Herd zum Kochen und Backen. Er verbraucht deutlich weniger Feuerholz als die herkömmlichen Feuerstellen der Siedler und schützt die KöchInnen vor ungesundem Rauch, der zu schweren Augen- und Atemwegserkrankungen führen kann.

Ein solcher Ofen war von SONNE-International von Anfang an geplant. Was aber nicht geplant war, ist, dass wir ihn nicht durch eine externe Werkstatt fertigen lassen, sondern unseren eigenen Betrieb hier in der Siedlung gründen, in dem er hergestellt werden soll. Dazu bilden wir einige Leute aus unserem Dorf aus, die in weiterer Folge eigenständig eine Werkstatt führen werden – natürlich mit Hilfe von uns und unserem Partner LASAC. Das ist eine große Herausforderung für alle und hat schließlich dazu geführt, dass ich meinen Aufenthalt um 2 -3 Wochen verlängern werde, um möglichst viel meines Wissens über Fertigung- und Betriebstechnik zu vermitteln, denn nicht zuletzt stammen Entwicklung und Konstruktion dieses Ofens aus meiner Hand bzw. aus meinem Hirn.

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Project-Management on the march – mit geistlicher Unterstützung von den Philippinen…

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…und vor allem natürlich finanzieller Unterstützung aus Österreich!

Erfreulich und wichtig für das weitere Bestehen dieser Werkstatt ist, unter anderem, das große Interesse an unserem Ofen – und nicht nur in der Siedlung sondern auch bei privaten Haushalten in Burauen und bei anderen Organisationen, die ähnlich Projekte in der Region betreiben und die Notwendigkeit eines solchen raucharmen Ofens erkannt haben. Immerhin haben uns bereits zwei große internationale NGOs besucht und ihr Interesse an unserem „Produkt“ bekundet.

Wir arbeiten derzeit bereits auf der einen Seite an einem Businessplan mit allen Details wie Registrierung eines Unternehmens, Rücklagendeckung, Rentensicherung und auf der anderen Seite an der Betriebseinrichtung mit allen Maschinen, Werkzeugen und Arbeitsschutzeinrichtungen. Und es macht ungeheuer Freude zu erleben, wie alle an einem Strang ziehen.

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Der „Erlkönig“ zum rauchfreien Ofen aus eigener Produktion wird vorgestellt…

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…und tags darauf sofort von unserer genialen „Chef-Köchin“ B.B. getestet!

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Das Ergebnis: eines der besten Abendessen, die ich je hatte!

Zugegeben, der „Erlkönig“ (siehe Foto) ist noch keine Schönheit und auch technisch werden wir noch ein paar Kleinigkeiten adaptieren, um ein möglichst kundenfreundliches Handling zu gewährleisten, aber das sind nur mehr Kleinigkeiten, denn eigentlich funktioniert der Ofen hervorragend und versorgt uns schon mit allerbestem Essen – auch dank B.B. unserer Chefköchin! Und darauf kommt´s bei einem Herd ja am Meisten an, oder?

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Hühnerfüße „Adobo“

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Tintenfisch in der eigenen Tinte…

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Das lukullische Gesamtkunstwerk

Eine Hochzeit und ein Krankheitsfall…

Nun ist es also doch mal passiert! Nach über zehn Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit und Ernährung nach dem Motto: „Ich sauf aus jedem Wasserloch und fresse alles, was nicht schnell genug weglaufen kann“, habe ich mir nun doch mal eine Lebensmittelvergiftung geholt. Anstelle meinen Freunden hier die Einkäufe zu überlassen, habe ich mir getrocknete und eingelegte Fische gekauft, die offensichtlich nicht ganz in Ordnung waren. Einer meiner Kollegen, der ein kleines Stück davon gekostet hat, spuckte es gleich wieder aus – nur da hatte ich schon einen ganzen Fisch verschlungen. Ergebnis: ein scheußlich juckender Nesselausschlag, Gliederschmerzen und Anschwellen meines Körpers auf Statur eines überfressenen Michelin-Männchens!

Hilfe fand ich bei einer Ärztin, die mir Medikamente verschrieb und…bei einem lokalen Medizinmann, genannt „Doctor Quack-Quack“ der mich mit Kokosnuss-Öl und Kräutern einrieb! Vier Tage später war ich wieder ganz der Alte (d.h. ich trinke und esse wieder alles – z.B. den schmackhaften Palm-Wein und erst gestern Abend Wasserbüffel-Hirn und Hühner-Füße, hmmmm!!!) Allerdings weiß ich immer noch nicht, welcher Behandlung ich eigentlich meine Gesundung verdanke – ist aber auch egal, oder?

Tatsächlich sind beide „Ärzte“ 81 Jahre alt und immer noch sehr energiegeladen. Das geht soweit, dass Doctor Quack-Quack, der durch den Taifun zum Witwer wurde, hier in unserer Siedlung eine neue Liebe gefunden hat und diese nun heiraten will. Er war ein wenig besorgt wegen seiner Familie und auch der seiner zukünftigen Frau – und nicht zuletzt auch der Zustimmung der Siedler. Deshalb bat er meinen Kollegen Totoung und Rat. Totoung , Lehrer an der örtlichen High-School und Vorsitzender der Siedlungsgemeinschaft, verbrachte daraufhin einen Tag damit, die Familien einander vorzustellen und deren Erlaubnis einzuholen – und ich glaube, er hatte jede Menge Spaß dabei! Ich nenn ihn seither nur mehr „Cupido“.

Sir Adolpho

Sir Adolpho, auch Cupido genannt!

Neben meiner krankheitsbedingt verringerten Arbeitsleistung sorgten auch die Osterfeiern dafür, dass ausnahmsweise ein bisschen weniger gearbeitet und dafür ein wenig mehr gefeiert wurde – und kaum wo anders wird Ostern so bunt und intensiv zelebriert wie hier auf den Philippinen.

Osterimpressionen 2

Osterimpressionen

Osterimpressionen 1

Osterimpressionen

Aber neben Krankheiten, Hochzeiten und Essen kommt natürlich auch die Arbeit nicht zu kurz – im Gegenteil, wo gute Beziehungen untereinander herrschen, macht auch die Arbeit Freude und manchmal wird bis spät in die Nacht hinein diskutiert, entworfen, umgeplant und beschlossen.

Als kurze Zusammenfassung: Seit meinem Eintreffen hier sind knapp 5 Wochen vergangen und wir haben seitdem:

  • eine Jugendorganisation in der Siedlung gegründet
Die neue Jugendorganisation

Die neue Jugendorganisation

  • erste Hilfe und Hygiene Trainings wurden gemeinsam mit den BewohnerInnen beschlossen, sie befinden sich gerade in Planung und sollen noch im April beginnen.
  • ein Werkstattgebäude angekauft (ein Nachbar hatte irrtümlicherweise auf unserem Grundstück gebaut. Wir wollten das Gebäude mitsamt seiner Einrichtung für Wasser und Sanitäranlagen nicht abreißen lassen und ein zusätzliches Gebäude für einen zukünftigen, im Dorf angesiedelten Betrieb stand sowieso auf unserem „Wunschzettel“ – wenn auch inoffiziell).
  • die Pläne für das Mehrzweckgebäude (Schulungen, Kindergarten, etc. sowie Evakuierungszentrum) entworfen. Der Bau sollte noch im April beginnen.
  • meine Pläne für den rauchfreien Herd fertig gemacht und die Werkstatt wird kommenden Montag mit der Fertigung des Prototyps beginnen und gleichzeitig zwei unserer Dorfbewohner in der Fertigung schulen – natürlich mit meiner Unterstützung und Aufsicht.
  • ALLE 50 Häuser begonnen zu bauen, der überwiegende Teil hat sogar schon Wände und Dächer!
Häuser schießen wie Pilze aus dem Boden

Häuser schießen wie Pilze aus dem Boden

Es läuft also alles bestens – so gut, dass ich mich im Anschluss an diesen Blog für heute Richtung Strand aufmachen kann.

Ein Platz zum Entspannen

Ein Platz zum Entspannen

Strand

In diesem Sinne : Grüße aus dem Süd-Pazifik,

Stippe